click to jump directly down to the photos


23. Kalenderwoche 2015 (Teil 2)

Begleitung: Todeskommando Atomsturm, Rasender Stillstand

Örtlichkeit: Wageni, Bochum

Samstag, 6. Juni 2015, 10:41 Uhr, Residence Witten

Ich berichte ja schon mal, so ganz am Rande der vollendeten Konzertberichterstattung, von meinen zahlreichen Talenten. Wie beispielsweise dem Umgang mit scharfkantigen Küchengeräten wie diesem komplizierten Schneidewerkzeug namens Messer. Und in dem Zusammenhang dann folgerichtig vom Umgang mit Fingerpflastern. Ja, da bin ich ganz groß drin. Ein weiteres Talent von mir ist der effektive Einkauf in Supermärkten. Bereits am Nachmittag des Vortages setze ich mich ausführlich mit meinem Einkaufszettel zusammen und auseinander. Schreibe alles kreuz und quer auf einen acht Mal acht Zentimeter großen Notizzettel, um es hinterher vorsichtshalber nochmal fein säuberlich auf einen doppelt so großen Wisch zu übertragen. Und dann geht das so, wie gerade bei Real. Da bin ich derzeit am liebsten:

Rund zehn einzukaufende Waren habe ich notiert. Und weil ich mich damit bereits gestern beschäftigt habe, bin ich mir sicher, dass ich den ganzen Rotz auch ohne Ewald Lienen-Gedenkzettel zusammen kriege. Ich bin tatsächlich zu faul, im Supermarkt meine Notizen raus zu kramen. Darüber hinaus ist das ja auch das perfekt Gedächtnistraining. Und siehe da: Acht, neun, zehn, passt. Sag ich doch. Ab zur Kasse.

Als ich später zu Hause meinen Fang auspacke, fällt mir auf, dass ich Senf vergessen habe. Und Nudeln. Und Wilmersburger. Scheiße! Als ich desillusioniert meinen Einkaufszettel mit dem Inhalt meines Beutels vergleiche, habe ich exakt vier von zehn Richtigen. Ich fahr dann nochmal schnell los. Den Zettel lass ich aber hier. Sechs Teile merke ich mir locker.

Samstag, 6. Juni 2015, 11:01 Uhr, Residence Witten

Dann schwing ich mich mal für die paar Restteilchen auf meinen Vesparoller. Da ist hinten ´ne Kiste drauf, da passen sechs Teile locker rein. Das mit dem „den Zettel lass ich aber hier“ war natürlich nur Spaß. Ich bin ja nicht bekloppt und mache den gleichen Fehler zwei Mal. Zumindest nicht an einem Tag. Naja, zumindest nicht innerhalb einer Stunde. Selbstverständlich habe ich dieses Mal den Einkaufszettel eingepackt und werde ihn auch gleich auspacken und die eingesackten Teilchen Hausmannsgemäß durchstreichen. Ich freu mich drauf.

Samstag, 6. Juni 2015, 11:14 Uhr, Real Supermarkt, Witten

So, dann gucken wa mal, was wir gerade so vergessen haben. Senf, Nudeln, Wilmersburger. Und äh… zwei Kisten Wasser und eine Kiste Bier. Super! Ich bring dann mal den Roller nach Hause.

Samstag, 6. Juni 2015, 12:02 Uhr, Stadtgalerie, Witten

Was ich bei Real leider nicht gefunden habe, ist veganer Sekt. Also muss ich nochmal in die sogenannte Wittener Innenstadt. Da werde ich zwar auch keinen veganen Sekt finden, aber das kann ich vorher ja nicht wissen. Was ich auch nicht wissen konnte ist, dass hier heute irgendein „Witten stellt sich vor oder so“-Tag ist. Überall sind irgendwelche komischen Infostände und Menschen. Igitt. Da zwischen meinem Parkplatz und der Einkaufsstraße – die hier übrigens Bahnhofstraße heißt, vermutlich weil sie etwa 400 Meter vom Bahnhof entfernt beginnt – ein hässliches Einkaufszentrum namens „Stadtgalerie“ gebaut wurde, geht mein Weg auch hier durch. Selbst in der dortigen Enge hat man es noch geschafft alles mit Tischen, Stühlen und einer Bühne voll zu stellen, wo gerade ein Clown versucht Kinder zu überreden, Hundefutter zu essen. Er liest aus der Zutatenliste vor, was alles schmackhaftes und gesundes in so einem Frohlic-Stückchen drin ist und versucht es dann noch einmal. Als das immer noch nicht klappt, greift er zu einer List und zieht jemanden im Tierkostüm, so Fußball-Maskottchen-like, zu sich und stopft ihm ein Stückchen in den Mund. Hey, wenn das der lustige Fossibär isst, dann könnt Ihr das auch. Ich weiß nicht, warum ich hier perplex 2 Minuten lang stehen bleibe und diese traurige Szenerie beobachte. Vermutlich weil ich ahne, dass es draußen noch viel furchtbarer sein wird.

Samstag, 6. Juni 2015, 12:09 Uhr, Bahnhofstraße, Witten

Es ist, wie es ist. Am CDU-Infostand stehen die Kids und decken sich mit Infomaterial ein. Ein einziger Stand steht etwas abseits, wo kaum jemand vorbei kommt und wird während meiner Bahnhofstraßenanwesenheit gar nicht frequentiert. Der der „Die Linke“. Wir wollen niemanden der Organisator*innen unterstellen, sie oder er hätte das bewusst so gemacht. Aber… das wird man jawohl noch sagen dürfen.

Samstag, 6. Juni 2015, 19:44 Uhr, Langendreer Markt, Bochum

Ein Hoch auf den D+S-Kiosk am Langendreer Markt. Zwei Biergetränke a 80 Cent und der Büdchenmann beginnt den Satz mit „80 und 80 sind heute Mal…“, und ich denke „Einssechzig, Du Scherzkeks. Wie jeden Tag. Äußerst witzig.“ Aber nein, er vollendet mit „Einsfünfzig“. Hell yeah! Ein Herz für Zecken. Ich freue mich tatsächlich, dattet sowat noch gippt. Da, wo andere bescheißen, erhalte ich auf Grund meiner imposanten Erscheinung einen Rabatt in Höhe von 6,25%. Ich bedanke mich, zahle mit nem Hunni und ziehe von Dannen.

Samstag, 6. Juni 2015, 19:48 Uhr, Langendreer Markt, Bochum

Hier ist seit 2 Jahren oder so Baustelle. Alles aufgerissen, die Bürgersteige sind über hunderte von Metern kreuz und quer von Bauzäunen eingekesselt. Da fahren dann auch die Radfahrer her. Zunächst einer im sportlichen Outfit, der freundlich fragt, ob er mal durch könne. Da sagen wir nicht nein. Unmittelbar danach ein Opi, der uns anguckt und sacht: „Wat rast der denn hier so durche Baustelle.“ Und brüllt: „Blödmann!“ Manchmal denke ich, meilenweit von irgendeinem Lokalpatriotismus entfernt, dass das Ruhrgebiet tatsächlich ein paar Perlen hat, die ich vermissen könnte. Wobei die Betonung allerdings auf „könnte“ liegt.

Samstag, 6. Juni 2015, 19:53 Uhr, Wageni, Bochum

Bis auf Lawi und ein-zwei weitere sind bisher nur die Bands anwesend. Schön, können wa uns lecker am Tisch setzen. Kurz danach trudeln Tüddel, Daniel, Rene, Esther, Lars, usw. ein. Mit schwant Böses. Denn allen voran Tüddel droht mir seit Monaten, meinen Geburtstag, den ich zuletzt mit 18, also vor ca. 10 Jahren, gefeiert habe, nicht zu ignorieren. Ich bin eigentlich immer ganz froh, wenn niemand mitbekommt, dass ich Geburtstag habe. Der Grund ist ganz einfach der, dass ich es hasse im Mittelpunkt zu stehen. Selbst bei diesen Lesungen nehm ich ja immer jemanden mit, der meinen Scheiß dann vorliest. Und dafür bin ich verdammt dankbar. Auch wenn bis heute alle denken, dass ich gar nicht lesen kann. Vermutlich kann ich vielleicht doch lesen, aber meine Lesefähigkeit durchdringt nicht meine Schamgrenze, damit ich nicht wie andere, die lesen können, im Mittelpunkt stehen muss. Ja, das wird es sein. Und wie befürchtet, hat Tüddel tatsächlich das Gerücht gestreut, ich hätte heute Geburtstag. Genau, ein unverschämtes Gerücht ist das! Das hat sie so geschickt eingefädelt, dass sie sogar andere genötigt hat, ihr Geld zu geben, damit jetzt mein Geschenk auf dem Tisch liegt. Verdammt. Ich reiß es ungesehen an mich, reiße das Papier auseinander und bin am Ende tatsächlich gerührt. Drin versteckt ist der Tritt in den Arsch, um halbgegarte Vorhaben tatsächlich mal in die Tat umzusetzen. Mehr dazu, wenn es akut werden sollte. An dieser Stelle nur so viel: Ihr verdammten Wichser! Ihr schafft es tatsächlich, mich trotz aller Geburtstagsphobie zu rühren und mich zu freuen, solche Freund*innen zu haben. Und das, wo alles nur ein Gerücht ist. Wie jedes Jahr. Ich hol mal noch Bier.

Samstag, 6. Juni 2015, 22:23 Uhr, Wageni, Bochum

Bier und Mexikaner fließen längt in Strömen. „Rasender Stillstand“ hat diesen großartigen Abend gebührend eröffnet. Ich warte in der Pause vor der Klotür, dass frei wird. Als Sabbi rauskommt sagt sie mir, dass ich beim Abziehen aufpassen soll, weil da ein Riesenstrahl rausspritzt und sie deswegen, wie bereits viele andere, pitschnasse Beine habe. Also vorher Klodeckel zumachen. Danke für den Tipp.

Samstag, 6. Juni 2015, 22:35 Uhr, Wageni, Bochum

Meine Hose ist klätschnass. Natürlich hab ich nicht dran gedacht. Ich spekuliere, dass sich meine auf ähnliche Art einst im Schwerter Rattenloch auf dem Klo verlorene Würde, inzwischen im Wageni befindet, spare mir jedoch die Suche.

Samstag, 6. Juni 2015, 23:33 Uhr, Wageni, Bochum

Todeskommando Atomsturm sind mal wieder fantastisch. Dann höre ich meinen Namen von der nicht vorhandenen Bühne durch die Boxen dröhnen. Mehr verstehe ich aber angesichts meiner katastrophalen Ohren nicht. Irgendwer versucht mich in Richtung Mikrofon zu schieben und auf einmal sind mindestens 100.000 Menschen im Wageni, die mich alle anstarren. Geil, endlich! Da ich so wirklich überhaupt nix checke und vermutlich nur apathisch mit dem Kopf schüttel, ergreift Sängerin Lea weitere Initiative und stimmt „Happy Birthday“ an. Dahinter eine unverschämt grinsende Tüddel.  Wenn ich ca. zwei Stunden später nach Hause komme, werde ich Zeuge vom grauenhaften Toten Hosen-Auftritt beim Rock am Ring im Fernsehgerät werden, wo bei „Tagen wie dieser“ selbst der letzte Depp mitsingt, aber am Ende noch deutlich weniger als hier gerade im Wageni. Und alle haben Laseraugen. Zwei Minuten später hab ich schon wieder frisches Bier und Mexikaner in der Hand. Und das alles nur dank dieses Gerüchtes, dass auch ich jedes Jahr Geburtstag habe. Ich bretter mich mal weiter weg. Prost!

Sonntag, 7. Juni 2015, 0:48 Uhr, Taxistand, Bahnhof Langendreer, Bochum

Geschafft. Anstatt noch ewig auf den nächsten Bus Richtung Witten zu warten, steigen wir ins Taxi. Jetzt kann nix mehr schief gehen. Denkste. Als wir die Türen zuknallen wird auch unsere Taxifahrerin wach. Es ist die, die mich die paar Mal, in der ich nach verpasstem Bus aufs Taxi setze, immer fährt. OK, dann bereiten wir uns mal auf 20 Minuten lang Geschichten vor, dass grundsätzlich jeder in Bochum immer nur mit ihr fahren will und sie ständig unterwegs sei und eigentlich überhaupt nicht zu kriegen und wir uns deswegen froh schätzen können, dass sie ausgerechnet jetzt gerade, wo wir hier vorbei kommen, einen Kunden abgesetzt habe und uns jetzt mitnimmt. Die Gesprächsrunde, warum ich sie dann immer im Tiefschlaf erwische, stoße ich bewusst nicht an.

Sonntag, 7. Juni 2015, 1:33 Uhr, Residence Witten

Wir liegen in der Poofe. Zum einpennen lass ich mich wie so häufig noch vom Fernsehgerät beschallen – der einzige Grund, warum wir sowas überhaupt haben. Und tatsächlich: Die Toten Hosen beim Rock am Ring. Vor 90.000 dicht gedrängten Menschen. Immerhin nicht ganz so viele, wie gerade kurz im Wageni, aber dafür sowas von fürchterlich. Ich würd sterben in dieser Masse. Drei Songs halte ich durch, dann wird mir diese Schlagershow doch zu viel und ich schalte ab.

Verdammt, was für ein scheiße geiler Geburtstag. Also gefakter Geburtstag - bevor sich dieses Datum jetzt jemand fälschlicherweise tatsächlich notiert.  Ich muss mich trotzdem an dieser Stelle nochmal bei allen, die es geschafft haben, den schmalen Grad zwischen Scham und Freude zu erwischen, herzlich bedanken. Beziehungsweise müsste ich, wenn das alles kein Fake gewesen wäre. Vermutlich. Gute Nacht!


Fotos und Bericht stehen unter einer Creative Commons Lizenz.

Fotos runterladen: HIER könnt Ihr alle Fotos runterladen. Bitte beachten: Ihr könnt die Fotos gerne weiterverwenden, solange Ihr das Wasserzeichen drauf lasst und uns kurz ´ne Info schickt. Kommerzielle Nutzung kommt allerdings nicht in die Tüte und ist hiermit ausdrücklich untersagt! Außerdem behalten wir uns vor, in Einzelfällen die Nutzung zu untersagen. Wer sich hier wiedererkennt, das aber große Scheiße findet, schickt uns kurz ´ne  Mail zwecks Unkenntlichmachung.

Download all photos: Click to download all pics. If you want to use some pics, please don´t erase the RILREC-watermark and please send us a short information. You may not use this work for commercial purposes. For more information read THIS.