Diary 2015/42. KW (2. Teil): Sean Wheeler & Zander Schloss, The Smigx, Jim Le Bob & Hookie @ Wageni, Bochum

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42. Kalenderwoche 2015

Begleitung: Sean Wheeler & Zander Schloss, The Smigx, Jim Le Bob & Hookie

Örtlichkeit: Wageni, Bochum

Samstag, 17. Oktober 2015, 19:22 Uhr, irgendwo in Witten

Ich bin noch sowas von angeschlagen, Arschmüde, Bocklos hoch zehn. Aber wenn ich heute trotz festem Vorhaben schon wieder nicht ins Wageni taumel, krieg ich vermutlich Hausverbot. Auf meinem Weg zur Halstestelle stelle (ein „stelle“ müssen wir abziehen) ich fest, dass ich dafür große Opfer bringen muss. Denn in Witten findet nicht nur die große Wittener Kneipennacht statt, nein, an der Pinte gegenüber des Krankenhauses ist auch noch Oktoberfest. Dafür hat man vor der kleinen Kneipe einen 2 x 2 Meter großen weiß-blauen Pavillon aufgestellt und ein „Bratwurst 2 Euro“-Schild draufgeklebt. Joh mei, da fällts Entscheidung schwöär. Ansonsten tut sich hier nicht viel, aber die Nacht ist ja noch jung. Da wird Witten schon noch aus sich heraus brechen und zur nordrheinwestfälischen Partymeile Number One mutieren. Wie jede Nacht.

Samstag, 17. Oktober 2015, 19:48 Uhr, Bus 378

Ich bin dann doch schweren Herzens in den Bus nach Langendreer abgebogen und verspüre nicht mal den Drang nach Reiseproviant. Also müssen meine unfreiwilligen Wegbegleiter mich irgendwie unterhalten. Die umstrittene Aufgabe übernimmt ein Typ, etwa in meinem Alter, also ein „junger Typ“, der die ganze Zeit mit einer Fernbedienung auf den Haltestellenmonitor im Bus zielt und offensichtlich versucht umzuschalten. Schade, dass ich gleich raus muss. Den heutigen Faber-Tatort im Dritten hatte ich noch nicht gesehen.

Samstag, 17. Oktober 2015, 21:01 Uhr, Wageni, Bochum

Zu meiner großen Überraschung spielen heute drei Bands. Wenig überrascht bin ich darüber, dass Keith mich blöde angegrinst, mir seinen Zigarettenqualm in meine Sinnesorgane bläst und mittels rhetorischem Stilmittel feststellt, dass das für mich ja heute angesichts der verqualmten Bude die Hölle sein müsse. Genau so wenig überrascht bin ich darüber, dass es nicht wie tatsächlich und ernsthaft geplant, um viddel vor neun mit Livemusike losgegangen ist. Denn als erste stehen Jim Bob und Hookie auf der Bühne. Bei zwei so verpeilten Menschen liegt die Chance, dass es heute überhaupt noch irgendwann los geht, bestenfalls bei 50:50. Jim Bob geht zum wiederholten Male raus, um Hookie zu suchen. Der ist jedoch erneut gleichzeitig reingekommen, um in den unendlichen Quadratmetern dieser geräumigen Eventhalle, glatt an Jim Bob vorbei zu laufen. Argh. „Anfangäään!“ krächze ich mit einem katerfreundlichen Radler in der Hand, werde allerdings noch nicht erhört.

Samstag, 17. Oktober 2015, 21:14 Uhr, Wageni, Bochum

Beide Künstler stehen auf der Bühne. Jim Bob wiederholt sein berüchtigtes Filter-Intro und wird schon wieder nicht wahrgenommen. Ich bin ein Stück traurig, werde aber dank der wundervollen musikalischen Darbietung schnell entschädigt.

Samstag, 17. Oktober 2015, 21:28 Uhr, Wageni, Bochum

Ich habe mich entschieden heute alles im sitzen zu machen, solange die Kiste vor der Küchendurchreiche noch Platz bietet und Isy keine Kabel mehr raus kramen muss. Das gelingt mir über weite Strecken ziemlich gut. Irgendein Talent hat schließlich jeder. Derweil fällt mir auf, dass ich schon jetzt nicht mehr lesen kann, was ich mir vor wenigen Minuten erst notiert habe. Da scheint ein Typ (ich schreib in letzter Zeit total oft „Typ“, das ist ja furchtbar) im Publikum mir einiges voraus zu haben. Denn anstatt mitzuschreiben, malt dieser einfach mit. Steht da in Reihe eins mit Malblock und Stift und hält die Herren auf der Bühne auf seine ganz eigene Art fest. Und das tut er, wie er mir kurz danach berichtet, bereits seit den 80ern. Das beeindruckt mich zutiefst, so dass ich beschließe, meine Notizen spontan aufzuessen.

Samstag, 17. Oktober 2015, 22:03 Uhr, Wageni, Bochum

„Are you ready to Paaadie?“ grölt der Sänger von The Smigx durchs Mikrofon und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Bitte was?!! Hat der das gerade wirklich gerufen? Zunächst hoffe ich noch, dass das witzig gemeint war, doch mit andauernder Livebeschallung gerät mein Sitzplatz zunehmend in Gefahr. Das ist, was meinen Geschmack angeht (da ist sie wieder, diese gefürchtete Höflichkeitsfloskel), das schlimmste, was ich im Wageni je erleben durfte und ich bereue in diesem Moment meine Entscheidung von 19:48 Uhr. Schweren Herzens räume ich meine altersgerechte Aufenthaltsvorrichtung (auf was für einen Scheiß man so kommt, um Wörter nicht wiederholen zu müssen) und krieche unter den Rauchschwaden hindurch nach draußen. Da haben sich bereits einige weitere Menschen eingefunden, die das Frieren der Show vorziehen. Man lästert sich gemeinsam warm und kommt unter anderem zu der Erkenntnis, dass solche Bands zu Zeiten, als anstatt der Tür hier noch ein Fenster für Ein- und Ausstieg in der Wand hing, auf Grund von Massenpaniken gar nicht möglich gewesen wären.  

Samstag, 17. Oktober 2015, 23:01 Uhr, Wageni, Bochum

Band vorbei, endlich kann ich wieder rein. Die Kiste ist leer, Keith steht daneben und passt auf. Ich frage ihn, ob er tatsächlich die ganze Zeit direkt an der Box neben den Klos gestanden habe und Keith rechtfertigt sich mit der Behauptung, er und seine Homies hätten sich während der umstrittenen musikalischen Darbietung  absichtlich und aus Protest laut unterhalten. Das tut er ungeachtet der im Folgenden skizzierten Tatsachen:

1.) Stört das bei der Lautstärke und der Vollbesetzung auf der nicht vorhandenen Bühne wohl kaum jemanden.

2.) Hat er das bei den eher leiseren, dafür aber fantastischen Klängen von Jim Bob & Hookie auch bereits für alle im Raum deutlich lautstark getan, ohne die ständigen bösen Blicken in seine Richtung wahr zu nehmen.

Jetzt müsste das für mich eigentlich gewohnte „es waren aber auch einige andere Leute hier, die die Band offensichtlich gut fanden, ist ja eh eine Frage des Geschmacks“ kommen, aber das überlasse ich heute mal anderen (*Häh? Wem denn? / *Anmerkung des Kängurus).

Samstag, 17. Oktober 2015, 23:31 Uhr, Wageni, Bochum

Johanna hat mir netterweise angeboten, mich noch in Witten vorbei zu kurven. Das wäre allerdings völlig entgegengesetzt ihrer malerischen Wahlheimat Duisburg und da ich ja (unter anderem) in der Hinsicht ein wenig gestört bin, ist es mir eher unangenehm, ein solches Angebot dann anzunehmen. Also wandere ich Pommeslike zur Bushaltestelle, was mitnichten an den hervorragenden Sean Wheeler & Zander Schloss liegt. Soweit ich mich entsinne, war ich schon bei diversen Auftritten von den Herren im Wageni, habe es aber jedes Mal geschafft, vor deren Auftritt wieder zu verschwinden. Jetzt kriege ich endlich mal ein paar Songs mit und kann die Begeisterung der mir zuvor berichtenden Menschen durchaus nachvollziehen. Irgendwie schon krass, wie Menschen sich verändern. Jemand, der nicht weiß, dass Zander Schloss einst Bassist der Circle Jerks war, würde bei dem Anblick des netten, bärigen Mannes, vermutlich nicht darauf wetten.

Sonntag, 18. Oktober 2015, 0:12 Uhr, irgendwo in Witten

Am Krankenhaus endet meine Reise, denn von dort gibt´s um diese Zeit selbst in der Partyhochburg Witten keinen Anschlussbus mehr. Ich bahne mich durch die johlenden Mengen, vorbei an Junggesellenabschieden, Partytouristen, Bierständen, kreischenden Teenies, Alkoholleichen und DRK-Versorgungseinrichtungen. Musik jedes erdenklichen Genres schallt durch die Luft und ich wünsche mir stattdessen entspannt durch die Düsseldorfer Altstadt zu schlendern und zu meditieren.

Doch ich habe tatsächlich Glück. Auf meinem halbstündigen Fußmarsch streife ich tatsächlich kurz bevor die „Berg auf-Strecke“ kommt, eine Pinte, die an der Kneipennacht teilnimmt. Davor stehen zwei Herren und eine Dame, die ich alterstechnisch so um die Ende Fuffzich einordnen würde. Als ich utopisch auf das nächste Bushaltestellenschild starre, rufen sie mir zu „fährt kein Bus mehr“ und ich antworte „ja, Witten, näh?!“. Sie teilen mir mit, dass sie in meine Richtung müssten und gerade ein Taxi gerufen hätten und sie mich gerne den Berg hoch mitnehmen könnten. Ich schmunzel, denn ab wann fahren denn nach Mitternacht in Witten noch Taxis? Also bedanke ich mich freundlich und sage, dass ich dann schon mal vorlaufe, aber sie könnten mich ja dann, wenn sie mich in 1-2 Stunden halberfroren am Wegesrand liegend passieren, gerne einpacken und oben anne Ecke wieder rauswerfen. Zwanzig Meter später höre ich ein „ey, komm her, da isset“, sprinte perplex zurück und werde 5 Minuten später dankend wieder verabschiedet. Geile Scheiße!

So, kein Bock auf Tatort heute? Da empfehle ich Euch glatt die wunderbaren Pete Bentham & The Dinner Ladies im Anyway zu Essen-Frohnhausen und hoffe stark, dass ich selber den Arsch hochkriege. Gute Nacht!

PS: Ach nee, is erst nächste Woche seh ich gerade. Na ein Glück.

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