Kapitel I: Der Anfang vom Ende

Neujahrsmorgen

Dieser Artikel ist Teil des fortlaufenden Romans „Auf der Suche nach der goldenen Pommesgabel“. Infos dazu gibt es hier.

„Hallo Deutschland, Du Arsch!“ zischte es ihm durch den Schädel, als er das Rollo seines kleinen Schlafzimmerfensters hochzog und hinaus blickte. Er war keiner von diesen Punks, die sich ein elektrisches Rollo einbauen ließen, obwohl sie es sich nicht leisten konnten. Und so überkam ihn die Gewissheit ruckartig, dass der laute Knall, etwa sieben Stunden zuvor, doch nur ein etwas vehementerer Böller war: Alles noch da. Zu früh gefreut.

Er öffnete die Schlafzimmertür und schlurfte die wenigen Meter in Richtung Bad um sein Kleines Geschäft zu erledigen. Das Große würde er sich für nach dem Frühstück aufbewahren. Sonst müsste er möglicherweise zwei Mal „Kackack machen“ – wie ein Freund aus alten Jugendtagen es gerne formulierte – und darauf hatte er schlichtweg keine Lust. Also strebte er auch in diesem Jahr vorausschauend an, seine Organe so zu koordinieren, dass er seine Gewohnheit beibehalten könne.

In der Kaffeepaddose befanden sich noch zwei Kaffeepads. Das war nicht weiter verwunderlich, denn dafür war dieser Behälter ja vorgesehen. Nur die Anzahl ärgerte ihn. Zwei Kaffee benötigte er morgens mindestens und dass seine noch schlafende Freundin ebenfalls einen Anspruch auf einen der beiden Pads hatte, stellte er nicht in Frage. Er grübelte. Wenn er jetzt einen Kaffee trinken würde, hätte er beim Frühstück keinen mehr. Und dann wäre auch sein Großes Geschäft in Frage gestellt. Es nervte ihn, gleich zu Beginn des Jahres vor neuen Problemen zu stehen.

Wieso eigentlich? Er machte sich doch eigentlich nichts aus solchen Tagen. Draußen sah eh alles so Scheiße aus wie immer. Gegenüber in der Reihenhaussiedlung hatten sich die Menschen wie jedes Jahr gute Vorsätze gemacht. Abnehmen, nicht mehr rauchen, weniger Fleisch, mehr Sport, mehr Sex, mehr Bio, Frau nicht mehr schlagen – wie lange würde das alles anhalten? Er wollte hingegen nur eins: Einen zweiten Kaffee.

„Und darum mach ich weiter, bis Du irgendwann kaputt gehst!“ Das geäußerte Vorhaben aus einem Liedtext der Punkband „Kackschlacht“ passte also auch zu Beginn des Jahres 2014 wie Faust aufs Auge. Deutschland, Bullen, Krieg, all das würde sich nach wie vor ordentlich an seinen Plätzen befinden. Und Dosenbier mochte er noch nie.

Doch nicht alles schien an diesem neuen Jahr schlecht zu sein. Erstmalig seit 1986 wachte er an einem Neujahrstag ohne Kopfschmerzen auf. „Das wird bestimmt ein gutes Jahr!“ versuchte er nach dieser Erkenntnis ebenso kurz wie jämmerlich zu schlussfolgern. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass zwischen dieser Vermutung und der momentanen Abwesenheit von Kopfschmerzen wohl kaum ein stringenter Zusammenhang besteht. Bruchteile von Sekunden später  landete  der erste Kaffee des Jahres auf seiner zerrissenen Schlafanzughose.

Der Schmerz schoss vom linken Hoden, über das Rückenmark, direkt unter die Hirnrinde. Er wusste sofort, dass es in diesem Fall kaum helfen würde, sich schnell in die Finger zu schneiden, um einen Konterschmerz zu provozieren. Blablabla, da erschien ihm ein Geist: 185 cm groß, kleiner Bierbauch, blauer Stacheliro, vegane Nietenlederjacke, Karohose. Und nackt. Natürlich nackt. Geister sind immer nackt. Auch wenn es die Geschichte aus Jugendschutzgründen anderes behaupten mag. OK, da erschien ihm also dieser Geist und sprach: „Reiß Dich mal kurz zusammen und höre, was ich Dir mitzuteilen habe, mein Facebookfreund.“ Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine Freundesanfrage eines Geistes angenommen zu haben, doch angesichts dieser imposanten Gestalt, hielt er mal lieber schön die Fresse und ließ den Geist fortfahren: „Die Antwort auf all Deine Fragen findest Du in der Goldenen Pommesgabel. Gehe des Nachts hinfort, lass Dich ordentlich volllaufen, höre Dir dabei einen Haufen Geschrei mit musikalischer Untermalung an und finde sie. Die Goldene Pommesgabel. Ohne Scheiß, Digga. Mach hinne! Ich geb Dir dafür ein Jahr Zeit.“ Er war völlig perplex und bekam einen Hustenanfall, da der Geist zur atmosphärischen Untermalung eine zu hoch eingestellte Nebelmaschine mit sich führte. Verängstigt und stockend röchelte er: „Äh ja. Und wenn ich die bis dahin nicht finde?“ „Dann wirste halt dumm sterben.“

Das wollte er natürlich nicht. Und so tat er, wie ihm empfohlen oder meinetwegen auch befohlen wurde. Ist ja schließlich kein Wunschkonzert hier.

Fortsetzung folgt.