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Ticker & Fotos: Beate X Ouzo @ Wohnzimmerkonzert, Recklinghausen

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70. September 2014, Wohnzimmerkonzert bei Tüddel (Recklinghausen)

Beate X Ouzo

24.09.14, 14:14 Uhr:  „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Was für viele nur eine dumme Parole ist (die es jedoch eh nie war, denn Adorno, der diesen Satz in einem seiner Werke, welches zur Zeit des faschistischen Terrors im amerikanischen Exil entstand, aufschrieb, war sicher alles andere als ein plumper Parolendrescher – *danke, Wiki!) beschäftigt mich nicht nur zu Extremphasen. In diesen jedoch – das liegt in der Natur der Sache – umso mehr. Dass ich mich unlängst in der Nachpubertären Phase befinde, macht die Sache nicht leichter. Zwar kann ich nicht von der Hand weisen, dass mir eine gewisse Kompromissbereitschaft in den letzten Jahren zu Gute gekommen ist, doch aktuell fickt mich mein Dasein auf der persönlichen Zeitskala im Rahmen dieser kleinen Zugeständnisse mal wieder mächtig ins Knie. Der Grund dafür sind in erster Linie gewachsene und manifestierte individuelle Bedürfnisse, die in meiner aktuellen Lebenswelt keinen Platz finden. Wünsche, Träume, Utopien.

14:16 Uhr: Solche gehen natürlich trotz Schnittmengen nicht Hand in Hand mit dem vermeintlichen Konsens einst selbst ausgewählter und noch immer persönlich bedeutender, subkultureller Gruppen. Insbesondere hinsichtlich der dahin ziehenden Jugendjahre. Wie leicht war das doch als junger Punk, der ich in dem Sinne nie war. Rotzdem: Man hatte eine klare Linie. Sogar gewisse Vorgaben, hinter denen man sogar stand, sonst hätte man sich ja eine andere Gruppe ausgesucht. Wenn man nicht gerade ein dummer Mitläufer war, der aber eher auf der anderen Seite der Gesinnung anzutreffen sein dürfte. Der damit verbundene Weg war simpel gestrickt und ebenso einfach wie genial: Staat und Bullen abschaffen und feddich is die Laube. Die scheiß Nazis noch ausweisen und schon steht das Paradies.

14:18 Uhr: Diese einfache Grundidee weiter zu verfolgen und als Endziel zu betrachten offenbart im Laufe der Jahre so ihre Tücken. Es ist natürlich nicht so, dass mir erst seit gestern Zweifel kommen, ob diese vermeintlich einfache Formel bis zu meiner Rente noch umgesetzt werden kann. Doch viel entscheidender ist, dass im Laufe der Jahre besagte individuelle Bedürfnisse eine zunehmende Rolle spielen, die in der Summe dann doch ein ganzes Stück komplexer sind. Die Nischen werden wieder ein Stück enger, der Frust steigt, die Bereitschaft zur Umsetzung bekommt eine neue Bedeutung. Und das Entscheidende, um aus diesem Loch raus zu krabbeln und der verfickten Scheiße den Mittelfinger zu zeigen, nennt sich Plan. Und ja, ich habe ihn. Ich habe einen Plan und die Umsetzung ist der Weg. Das derzeitige Problem ist nur: Dafür benötige ich rund 3 Millionen Euro.

25.09.14, 21:12 Uhr: Geil! Wir haben es tatsächlich endlich mal wieder geschafft „ganz normal“ (für unsere Verhältnisse halt) ´ne Radiosendung aufzunehmen. Und das in Lars sein´ neuet Büro. Ein Traum! Große Fensterfront, ein blinkendes „RILREC RADIO ON AIR“ ins Fenster gehängt und die Leute, die gerade aus dem wenige Meter daneben kommenden Puff kommen, gucken doof und gehen noch ´n Schritt schneller. Aber der Busfahrer winkt immerhin zurück. Ein Hoch auf unseren Busfahrer!

26.09.14, 23:11 Uhr: Seit undenkbar ewiger Zeit habe ich heute einen Kneipenabend gemacht. Mit einer guten Freundin einfach nur ein paar Stunden schnacken. Nach gerade mal fünf halben Litern bin ich leicht beschwipst, aber fernab jeder Volltrunkenheit. Ich bin nicht einmal total müde und dennoch passiert mir Bemerkenswertes, welches sich nahtlos an meine sich häufenden Momente einreiht, in denen ich mir ernsthaft Gedanken mache, ob ich langsam dement werde: Ich blicke bei einem Halt aus dem U-Bahn-Fenster und stelle fest, dass ich noch zwei Haltestellen und somit drei Minuten Fahrt vor mir habe. An der vermeintlich nächsten Haltestelle schaue ich erneut raus und stelle fest, dass ich vor drei Haltestellen hätte aussteigen müssen. Meiner mathematischen Kleines-ein-mal-eins-Begabung folgend, habe ich also vier Haltestellen nicht wahr genommen. Und das ohne jeden Anlass. Ich bin halbwegs nüchtern, weit davon entfernt plötzlich einzuschlafen und niemand ist da, der mich in ablenkende Gespräche verwickeln konnte. Das einzige, was mich nervös gemacht hat, war ein Bulle, der – sichtlich gerade Feierabend habend – in voller Montur in die Bahn stieg und einige Reihen von mir entfernt sitzt: Hellblaues Polizei-Hemd, darüber die dunkelblaue Weste und seine Knarre so dermaßen sichtbar am Halfter hängend, dass man vor jedem kleinen Anlass, der zur Rechtfertigung des Gebrauchs herhalten könnte, Angst bekommt. Darf der das eigentlich? Na jetzt auch egal, denn zum Glück steht direkt gegenüber die U-Bahn, die mich drei Haltestellen zurück kutschiert, welche ich vorsichtshalber an der Tür stehend verbringe.

27.09.14, 17:08 Uhr: Soviel zum Konzertbericht. Jetzt noch was ganz anders. Rückblick: Ruhrpott-Rodeo 2014. Tüddel zieht aus der güldenen RILREC Lostrommel den Hauptgewinn schlechthin: Ein Wohnzimmerkonzert mit Beate X Ouzo. Da freut sich die Tüddel und ihre Nachbar*innen noch mehr. Und heute isset so weit. Der Tag der Einlösung. Scheiße, ich bin gespannt.

17:12 Uhr: Ankunft Recklinghausen City. Die Behausung liegt mitten in der Fußgängerzone, nur einen Katzenwurf vom Hauptbahnhof entfernt. Tüddel hat alles sowas von fantastisch vorbereitet, dass man kaum noch das Bedürfnis verspürt, jemals wieder woanders ein Konzert sehen zu wollen. Zehn Kisten Hansa, jede Menge vegane Fressalien und sogar extra für heute mit dem BxO- und RilRec-Logo bedrucktes Klopapier – und da kämen, wenn die teutsche Akkupunkturregularien es erlauben würden, rund 20 Ausrufezeichen hinter – warten auf Band und Gäste. Und da haben sich mal gleich über 30 von angekündigt. Oha.

19:12 Uhr: Tüddel hat „mir“ tatsächlich ´ne Kiste Beck´s und BxO ´ne Kiste Veltins in den Kühlschrank gestellt. Schließlich weiß sie von meinen sensiblen Katerregionen, die selbst auf unterschiedliche Biersorten schon konträr reagieren. Beide sind natürlich ruckzuck weg, da auch andere Gäste aus durchaus niederen Beweggründen ebenfalls zugreifen. Es sei ihnen gegönnt, auch wenn der abrupte Wechsel auf Hansa morgen vermutlich fatale Folgen haben wird. Drauf geschissen, so geil wie es hier jetzt schon ist. Direkt neben Tüddels Eingangstür ziehen tatsächlich gerade heute neue Nachbarn ein. Die dürften jetzt schon mal gewarnt sein, was sie bei dieser Nachbarschaft erwartet. Ich hol mir noch ´n Hansa.

20:22 Uhr: Es ist soweit. The Show must Dingsbums. Doch bevor die Band auf den Wohnzimmerteppich klettert, darf ich ein paar Worte an die zahlreich erschienenen Anwesenden richten. Denn Stemmi hat einen DinA4-Zettel voll mit einleitenden Worten verfasst, den ich vorlesen darf. Ich, der für seine eigenen beiden Lesungen extra andere Menschen zum Vorlesen engagiert und großzügig bezahlt hat, weil er a) Scheiße vorlesen kann und b) viel zu schamig ist, um vor einer Gruppe größer gleich zwei etwas vorzutragen. Aber hier sage ich natürlich nicht nein und habe mir in den letzten drei Stunden eh genug Mumm angetrunken. Leider wirken die Buchstaben auf dem Zettel dadurch wie Schriftgröße 4 und zwei Mal mitgewaschen. Ejal. Alle jetzt mal kurz Schnauze halten, räusper, räusper und los geht dat.

20:31 Uhr: Gefühlte zwei Stunden später habe ich es geschafft: „Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei dieser einmaligen Aufführung! Begrüßen Sie mit einem donnernden Applaus (…) – hier sind Beate X Oooouzoooooo!“

20:31:30 Uhr: Applaus, Applaus.

20:32 Uhr: Ich find, ich hab das ausnahmsweise echt mal ganz OK hinbekommen. Das finde ich eigentlich nie, wenn ich irgendwas mache, aber dieses Mal… doch. Ich glaub das war OK. Na gut, ein Duzend Versprecher und anstatt „Frust, Tristesse“ habe ich aus Versehen „Wurst, Wut, Tristesse“ gesagt, aber für meine Verhältnisse sind das schlimmstenfalls Kollateralschäden.

20:32:30 Uhr: Und schon ernte ich Spott und Hohn von allen Seiten. Stemmens zynisches „das hat ja super geklappt, Maks“, lässt mich vermuten, dass ich in Sachen Selbsteinschätzung doch noch Entwicklungsbedarf habe.

20:54 Uhr: Nach rund 20 Minuten gibt es Pinkel- und Bierholpause. Wow, das war schon mal richtig geile Scheiße. Auch wenn das Publikum jetzt noch nicht wirklich bereit war, das Wohnzimmer zu zerlegen, hat das riesigen Spaß gemacht. In 5 Minuten soll´s weiter gehen. Mal sehen, was noch so kommt.

21:32 Uhr: Da hat das Publikum es sich wohl doch noch anders überlegt. Ein erster Sessel fliegt durch den Raum und das Chaos nimmt seinen Lauf. Die Stimmung ist auf einmal auf dem Siedepunkt und durch das 1. OG tobt ein pogender und grölender Mob. Schön. Genau so hab ich mir das vorgestellt. Wenn die Vorstellung auch mehr so ein vermeintlich utopischer Wunschgedanke war. Nö, war sie dann wohl doch nicht. Peng, Knall, Bumm.

21:44 Uhr: Boahr, ey. Geschafft. Ein Wohnzimmerkonzert, wie ein Wohnzimmerkonzert sein muss. So und nicht anders.

23:01 Uhr: Wir machen die Biege. Groggy und noch leicht kränkelnd verabschieden wir uns, damit niemand auf die Idee kommt, dass wir noch Pommes holen würden. Ein herzlicher Dank an die großartige Gastgeberin Tüddel, an Beate X Ouzo, die diesen Spaß mit- und zu einem Höhepunkt gemacht haben und natürlich an alle Anwesenden, die ihren Teil zu einem großartigen Abend beigetragen haben. Das war garantiert nicht das letzte Wohnzimmerkonzert dieser Reihe. Hink, it´s your turn! Gute Nacht!


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