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Ticker & Fotos: Flat Back Four, The Vermin Suicides @ Druckluft, Oberhausen

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7. November 2014, Druckluft (Oberhausen)

Flat Back Four, The Vermin Suicides

05.11.14, 18:12 Uhr: Dass der gemeine Punk – in welcher Ausführung auch immer – von der Mehrheit unserer Geschnellschaft als eher freakiger Natur betrachtet wird, ist nichts wirklich Neues. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich das in jungen Jahren jetzt ausgesprochen Scheiße fand, wegen abweichender Etikette nicht so respektiert zu werden, wie der mainstreamige Mitläufer, oder ob ich es eher geil fand, einen vermeintlichen Gegensatz zu dem traurigen Rest der Nachbarschaft zu bilden. Der typische Jungpunk-Rebell war ich jedenfalls nie. Schade eigentlich, aber 50 Jahre später ja auch irgendwie Latte. Dafür fällt mir jetzt – in der zweiten Hälfte der Pubertät angekommen und fest verankert – verstärkt auf, dass sich für mich diese Situation in gewisser Weise umgekehrt hat. Von anderen als „Freak“ gesehen oder gar bezeichnet zu werden, geht mir dermaßen am Arsch vorbei, als würde es nichts Langweiligeres auf dieser Welt geben. Stattdessen betrachte ich die Welt, abseits meiner subkulturellen Nische, zunehmend mit den Augen der damals schon Anderen. Will sagen: Vieles von dieser Standardausführung des bürgerlichen Mainstreammenschen – drauf geschissen, wie ich die Horde jetzt definieren oder nennen mag – kommt mir zunehmend vor, wie das eigentlich Verrückte. Die „Freaks“ sind auf einmal die anderen und nicht ich und meinesähnlichen. Diese Erkenntnis mag für viele von Euch nicht neu sein und natürlich schwamm sie auch in meiner Punkrockverseuchten Hirnflüssigkeit mit durch die Gezeiten. Doch aktuell hat diese Erkenntnis bei mir eine Hochphase erklommen. Umso verwunderlicher, dass sich solche Eindrücke gerade jetzt in meinen Gedanken nach vorne winden können, wo auf der Welt aktuell doch deutlich mehr als zu viel Scheiße passiert und es genug Dinge gibt, die mich beschäftigen.

18:19 Uhr: Bundesweite Oktoberfestfeierlichkeiten oder die schon immer sehr beliebten Junggesellenabschiede – um nur zwei ausgesprochen beliebte und herausragende Ausuferungen der Massentauglichkeit vor die eigenen Augen zu halten – stellen da nur einen Teil von Speerspitzen in der allgemeinen alltäglichen Belanglosigkeit, die mir zunehmend verrückt erscheint, dar. Und während religiöse Fanatiker zu Massenmördern werden, Nazis die Gunst der Stunde nutzen und regen Zulauf erhalten und trotz allen Versagens und eindeutiger Gesinnung noch immer der Verfassungsschutz für diese Nasen zuständig ist, haben Herr Hinz und Frau Kunz bei Aldi an der Kasse nur noch ein Thema: Den Streik der bösen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Selbst wenn sie seit 30 Jahren ihren Stadtteil nicht mehr verlassen haben.

18:27 Uhr: Ach so, ja. Konzert ist übrigens heute keins. Ist ja erst Mittwoch. Vielleicht komme ich ja übermorgen irgendwie irgendwo hin. Ich meld mich dann.

07.11.14, 19:48 Uhr: Tatsache. Am Oberhausener Hauptbahnhof treffen wir bereits jetzt mehr bekannte Fressen, als es heute Abend im Druckluft der Fall sein kann. Diese verteilen sich auf Supernichts in Köln und Wizo in der Turbinenhalle. Wie kann man nur, wenn um die Ecke Flat Back Four auftreten. Also ab zur Bude und dann appikowski zum Druckluft.

20:08 Uhr: Und da ist bereits die Hölle los. In Form von Tonmensch Chilly. Das war´s dann auch. Angesichts des andauernden Streiks dürfte sich die Besucher*innenzahl heute in Grenzen halten. Für uns sind die jedenfalls gerne gefahren.

20:42 Uhr: Ich lach mich schlapp und freu mich noch schlapper. Ich hätte es mir denken können. Flat Back Four sind zusammen mit einer weiteren englischen Band auf Tour, nämlich mit The Vermin Suicides. Und die kommen aus Liverpool. Und wer soll da schon anderes trommeln, als Tony (The Dead Class, Pete Bantham and the Dinner Ladies, Vamos, etc.), der vermutlich in allen Liverpooler Bands hinter der Schießbude hockt. Große Freude beiderseits und selbstverständlich ist Tony sich bewusst darüber, dass mein Englisch eine absolute Katastrophe ist. Seine Rücksichtnahme diesbezüglich drückt er dadurch aus, dass er sich mir gegenüber ausgiebig mit vorbildlichen nordenglischen Akzept artikuliert. Denn schließlich ist die einzige Sprache, die ich versuche halbwegs fließend zu sprechen, ebenfalls von dem nördlichen Stadtteil meiner Geburtsstadt geprägt. Das muss ja dann irgendwie zusammen passen. Also redet Tony und redet und redet und ich antworte nach jeder kurzen Pausen standesgemäß – wie eh und je – mit: „Tony, I didn´t understand a word“, woraufhin Tony in feiner Regelmäßigkeit auf die Abbildung eines Superhelden auf dem hinter uns hängenden Poster zeigt und „Batman“ sagt. Diese Abfolge wiederholt sich in beachtlicher Anzahl, so dass wir die halbe Stunde, bis Tony auf die Bühne muss, hervorragend rumkriegen.

21:30 Uhr: Wow, The Vermin Suicides machen richtig Spaß. Geschätzte bis gezählte 15-20 Zahlende sind es zum Glück doch noch geworden und die Halle mit der kleinen, vorgezogenen Bühne, sieht gar nicht mal so leer aus wie befürchtet. Und auch die Stimmung ist deutlich besser, als angesichts des geringen quantitativen Zuspruchs erwartet.

21:33 Uhr: Ich erspähe den Flat Back Four-Trommler mit einem Snuff-T-Shirt. Nachdem ich zuletzt erfolgreich mit Fratz auf ´nem Gig das T-Shirt getauscht und somit meinen Snuff-Shirt-Bestand erfolgreich erweitert hatte, setze ich auch hier auf den Sportgeist des Schlagzeugers. Doch dieser ist leider ähnlich begeistert von dieser besten Band ever, wie ich. Also wird dat nix mit tauschen. Ich greife zur Ersatzbefriedigung und bitte Muskelprotz Jockel hinter der Theke um ein weiteres Bier.

22:32 Uhr: Flat Back Four, schon zum x-ten Mal im Druckluft zu Gast, knüpfen nahtlos an den großartigen Opener an. Und während ich so locker mit dem Wippebeinchen schwofe, spricht Sänger Ste, dass der nächste Song für Maks von RilRec sei und es folgt „The Damage is done“ von Snuff. Da haben die sich tatsächlich über meine Shirt-Gier unterhalten und während ich bei solchen Ansagen im Regelfall vor Scham in den Erdboden versinke und sie deswegen auch nicht wirklich mag, freue ich mich heute einfach nur riesig. Und sie bringen das Stück auch noch fantastisch rüber. Spätestens jetzt ist hier Gänsehaut pur angesagt.

22:48 Uhr: Es ist schon krass, wie ein so mittelmäßig besuchtes Konzert so viel Spaß machen kann. Vor mir wackeln nebeneinander Kutten und Shirts von The Restarts, Notgemeinschaft Peter Pan und F*cking Angry durchs Bild. Ich trinke, wackel mit, trinke weiter und trinke noch einen. Schön hier.

23:12 Uhr: Nächster Eintrag auf meinem schlauen Zettel: „Bus Prweq Uike I Van“. Genau so sieht es aus.

23:18 Uhr: Super. Tüddel ist noch betrunkener als ich, turnt inzwischen auf der Bühne rum und grölt „Arminiaaa Bieläfäääld“ ins Mikro. Wäre so stehen gelassen sogar noch lustiger, als es eh schon war. Aber ich komme nicht drum rum, zu erwähnen, dass Flat Back Four große Arminia-Fans sind und einen „Schalalalala“-Song für diesen Club im Repertoire haben und soeben zum Besten geben.

23:28 Uhr: Verabschiedungsszenarien, wie ich sie ansonsten durch geschickte imaginäre Imbissbudenbesuche vermeide. Tony drückt mir noch ´ne CD seiner „Parasiten Selbstmörder“ in die Hand. Vinyl gab es leider keins, so dass ich es zunächst vorzog, den Schuppen ohne Tonträger zu verlassen. Nu bring ich doch noch was mit nach Hause. Yeah!

23:50 Uhr: Und auch der Rückfahrzug kommt pünktlich. Bis auf den Kater morgen früh, alles perfekt. Super Abend. Gute Nacht!


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