Diary 2015/20. KW: Untergangsfestival @ AZ Mülheim

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20. Kalenderwoche 2015

Untergangs-Sommerfestival

Begleitung: Und viele mehr!, Narcolaptic, Eat the bitch, Moribund Scum, F*cking Angry, Nitro Injekzia

Örtlichkeit: AZ Mülheim

Sonntag, 10. Mai 2015, 12:11 Uhr, Residence Witten

Born to be bad. Seit einiger Zeit nenne ich endlich wieder einen fahrbaren PX 50 XL-Vespa-Roller mein Eigen. Diesem habe ich sogar zu verdanken, dass ich endlich mal in den Genuss dieses ominösen Gefühls namens „stolz“ kommen durfte, nachdem ich letzte Woche in der Nachbarschaft tatsächlich geblitzt wurde. Dank des fehlenden Nummernschildes am vorderen Teil des Gefährtes – was für eine unglaublich clevere Finte von mir – werden sie mich niemals kriegen. Harharhar!

Das hat mich dermaßen motiviert, dass ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Rollermotor anwerfe und locker flockig durch die Wittener Prärie düse. „Schatz, bringst Du mal den Müll runter?“ Türlich! Treppe runter, Motor an, brumm brumm, 5 Meter weiter lässig den Müll eingeworfen, großzügig gedreht und den Benzinhahn wieder anleitungskonform geschlossen. Hell yeah!

Montag, 11. Mai 2015, 8:03 Uhr, Residence Witten

Das andere Gefährt, sprich das vierrädrige RilRec-Mobil, muss zur Inspektion samt Reparatur. Nervig und kostet Geld. Also früh morgens ab, die wenigen Kilometer durch den innerstädtischen Berufsverkehr gebrettert. Gefährt abgestellt, reingegangen, gewartet und endlich dran: „Guten Morgen, Herr Rilrecowski. Wo steht Ihr Bully denn?“ Patsch! Ich Riesentrottel. Der steht natürlich, angesichts meiner Roller-Euphorie, noch vor der Haustür. Ich hol ihn dann mal eben.

Donnerstag, 14. Mai 2015, 20:10 Uhr, Veganisierbar, Essen

Hach nee, wat is dat herrlich. Mit Sabbi, Tüddel und Daniel inne Veganisierbar anne Theke lecker essen und dann knobeln. Die Vatertagsakrobaten im Zug haben wir überlebt, auch wenn so manche Fußballfanhorde kaum nerviger sein kann. Tüddel war gerade selber noch vorn Ball treten und ist bereits sichtlich angetüddelt, was sie dazu motiviert, Sabbi ausführlich von ihrem Vormittag mit ihrer Oma zu erzählen.

Donnerstag, 14. Mai 2015, 20:21 Uhr, Veganisierbar, Essen

Tüddels Monolog wird abrupt unterbrochen, indem der dazwischen sitzende Daniel sich nach vorne beugt und dem hinter der Theke stehenden Ente noch ein Getränk gegen bares abquatscht.

Donnerstag, 14. Mai 2015, 20:22 Uhr, Veganisierbar, Essen

Daniel beugt sich zurück. Tüddel beginnt auf mich einzureden, aus meiner Sicht aber sowas von Zusammenhangslos, dass ich überhaupt nicht kapiere, um was es geht. Ich hör immer nur „Oma“.

Donnerstag, 14. Mai 2015, 20:26 Uhr, Veganisierbar, Essen

Tüddel unterbricht ihren Monolog erneut abrupt. Blickt mich an, blickt Sabbi an und blickt mich dann wieder an und spricht: „Äh, hab ich mich, bevor Daniel sich nach vorne gebeugt hat mit Dir oder mit Sabbi unterhalten?“ Dann fangen wir doch einfach noch mal von vorne an. Prost!

Freitag, 15. Mai 2015, 21:58 Uhr, Residence Witten

Schön. Nach fünf Bier im Pupsgarten unterhalb unserer Wohnung fühl ich mich heute zum ersten Mal echt halbwegs OK. Ansonsten war der Tag grundlos perfekt dafür geeignet, mir mal wieder einzureden, dass ich manisch-depressiv sei. Wäre nur cool, wenn so langsam mal eine erste manische Phase eintreten würde. Ich hau mich aufs Ohr. Autschn. Gute Nacht!

Samstag, 16. Mai 2015, 17:03 Uhr, U-Bahn 11

Der zweite Tag des Untergangsfestivals. Die Winterveranstaltungen dieser großartigen Unterhaltungsreise, fanden bisher immer parallel mit den Notgemeinschaft Peter Pan-Weihnachtskonzerten in Hamburg statt. Einmal haben wir tatsächlich beides mitbekommen, ansonsten haben wir uns immer schweren Herzens in Richtung Norden verabschiedet. Heute ist es zum Glück mal ganz anders. Es gibt ein „Sommer-Untergangsfestival“. Da kann natürlich schlecht das NPP-Weihnachtskonzert stattfinden. Dafür aber die Record-Release-Party des neuen NPP-Albums. Argh. Die Wahl fällt dieses Mal allerdings trotzdem auf Mülheim. A aus Stressgründen und B spielt da mit F*cking Angry ebenfalls ´ne Labelkombo von uns. So platti rabatti ich derzeit bin, ist der Plan ganz leicht: Frühzeitige Anreise, bis zu zwei Bier anne Theke und nach F*cking Angry ab ins Heiabett.

Samstag, 16. Mai 2015, 17:51 Uhr, AZ Mülheim

Mit einem wunderschönen Stoffbändchen ausgestattet betreten wir die noch recht fluffig besetzte Halle des Geschehens. Ein Blick in die Runde verrät uns, dass die wenigstens gestern noch nicht da waren. Mit gutem Beispiel voran geht F*A-Sängerin Beckx, die das Wort „hinüber“ völlig neu definiert. Endlich mal jemand, die auch das Kleingedruckte auf dem nicht vorhandenen Plattenvertrag gelesen hat. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wo sie kurz vor ihrem Auftritt auf die Bühne getragen wird.

In Schubladen gepackt ist das hier das „Punk im Pott für Kids ohne reiche Eltern“. Was natürlich völlig bescheuert ist, der Slogan geht mir trotzdem durch den Kopf und er ist durch und durch positiv gemeint. Ein Haufen Bands für 5 Ocken pro Tag, DIY vom Allerfeinsten, Essen für so viel, wie jeder geben will und kann, und Bier zu Büdchenpreisen. Lange Rede, kurzer Sinn: Das ist Punk, wie er sein soll. Es ist wunderschön. Immer wieder aufs Neue.

Samstag, 16. Mai 2015, 18:04 Uhr, AZ Mülheim

In der Halle musiziert der Solokünstler „Und viele mehr!“. Wir begeben uns noch mal in den Kneipenraum und beobachten Scheiße – der heißt noch immer so – wie er von den Eintretenden die Bändchen kontrolliert. Das ist deswegen so irre witzig, weil gefühlte neun von zehn Besucher*innen mindestens zehn unterschiedliche Bändchen ums Handgelenk gezurrt haben, so dass Scheiße nix anderes übrig bleibt, als in neun von zehn Fällen entnervt ab- und durchzuwinken.

Samstag, 16. Mai 2015, 18:11 Uhr, AZ Mülheim

Ich fall vom nicht vorhandenen Glauben ab. Der Rest der „verfickt Wütenden“ tritt ein und auf einmal steht auch BeckX neben uns, taufrisch wie der Frühlingsmorgen. Naja, also eher „steht“. Da kann ich wirklich nur gratulieren. Ich hab´s ja schon immer gesagt: Mate ist ein Wunderheiler! Davon werde ich kurz vor meiner Abreise auch noch eine inhalieren und schon geht´s mir Morgen früh blendend. Ganz egal, was ich davor sonst so in mich rein geschüttet habe. Bisher hat das auf jeden Fall immer geklappt. Zumindest fast.

Samstag, 16. Mai 2015, 18:31 Uhr, AZ Mülheim

Narcolaptic im kleinen Konzertraum mit – wenn ich das von weitem, sprich Stammplatz Reihe 1, linke Box, richtig sehe –  Rantaplan-Trommler Marlon auf dem Höckerchen. Die gehen stark Richtung NOFX, beweisen das auch Covertechnisch und machen Spaß. Spaß hat auch eine leicht aufgedrehte junge Dame, die abwechselnd moshend auf der Bühne kniet oder in den Menschenleeren Bereich vor der Bühne dived. Scheiße, wie schreibt man das denn? Egal, die bereitet mir jedenfalls genauso viel Spaß wie die Band, die da fragt: „Für wen seid Ihr hier?“ Und schwupps, springt sie wieder auf die Bühne, greift sich das Mikrofon und antwortet: „Nur für Euch, danach gehen wir alle nach Hause!“.  Dann springt sie wieder lachend von einem Bein aufs andere und zurück, klatscht in die Hände, behauptet, sie könne nicht einfach so ins Publikum springen, weil sie dazu zu schwer sei, klatsch klatsch, spring spring und ab – geht´s dann doch wieder ins Leere. Wundervoll!

Samstag, 16. Mai 2015, 18:55 Uhr, AZ Mülheim

Back in the Kneipenraum stellt sich besagte junge Frau als F. seine Tochter vor. Die Einbuchstabige Bezeichnung sei dem Datenschutz geschuldet. Dann versorgt sie uns mit Eis und einem Salatblatt, ehe sie irgendwann mit einer 5 Literflasche Wein über die Bühnen zieht, der allerdings riecht wie Essig. Für Unterhaltung ist jedenfalls auch abseits der musikalischen Darbietungen gesorgt.

Samstag, 16. Mai 2015, 20:33 Uhr, AZ Mülheim

Kleiner Zeitsprung. Bei F*cking Angry brechen alle Dämme. Endlich ist vor der Bühne gut was los und auch wir begeben uns dann doch zunehmen in Rage. Jochen sei Dank können wir mittels Pfeffi immer mal wieder unsere Mundhöhlen durchspülen, während – zumindest ich – nicht erkennen kann, dass auch nur irgendwer von dieser großartigen Band gestern oder heute Alkohol konsumiert hat. Der Auftritt ist einmal mehr famos.

Samstag, 16. Mai 2015, 20:38 Uhr, AZ Mülheim

Wundervoll: Irgendein Typ, der aus der pogenden Menge in unsere Richtung fällt, wird von Sabbi aufgefangen und zurück begleitet. Keine 20 Sekunden später das gleiche nochmal. Erst beim dritten Mal wird ihr klar, dass der Typ gar nicht aufgefangen werden möchte, sondern sich schlichtweg neben uns an der Wand auf den Boden setzen will, um seinem Tempo Tribut zu zollen. Nix mehr los mittie Jugend von heute.

Samstag, 16. Mai 2015, 21:12 Uhr, AZ Mülheim

Wir begeben uns zu Lars in Richtung Mischpult. Dieses steht nen guten Meter oberhalb der mehr oder minder ebenen Erde. Um dort raufzukommen hat offenbar jemand – so sieht es zumindest aus – einen jungen Punk vor den Eingang gelegt, den man so – wäre man gemein – als „Trittstufe“ benutzen könnte. Machen wa aber nich, wir sind schließlich auch noch halbwegs… naja…. sagen wir „beinahe“ jung, um unsere faulen Ärsche aufs Podest zu hieven. Dort sitzend tänzelt gerade Till an uns vorbei, der sich offensichtlich ebenfalls gestern schon gut eingebracht hat. Anders is es nicht zu erklären, dass der ansonsten seit Jahrzehnten verletzungsfrei lebende Mensch, sich gestern Abend beim Hose ausziehen den Finger gebrochen hat. Hut ab!

Samstag, 16. Mai 2015, 22:23 Uhr, AZ Mülheim

Während wir die Band „Wegbier“ verpasst haben und nun die recht töfften Nitro Injekzia das Volk bespaßen und Scheiße mit den zurück gebrachten Servietten auch den schwierigsten Origami-Herausforderungen trotzt, bewegen wir uns angesichts unserer morgigen Planung fast schon gezwungenermaßen in Richtung Bahnhof. Kleines Highlight auf den paar Metern: Sabbi erzählt mir irgendwas, wo es unter anderem darum geht, dass irgendwer seinen Mittelfinger erhoben hat. Zur optischen Untermalung des Gesprächs, macht sie automatisch diese Geste nach. Ungeachtet dessen, dass uns just in dem Moment ein Bullenauto entgegenkommt. Die Insassen sind auch sichtlich irritiert, halten kurz an, fahren dann angesichts unseres sie ignorierenden Verhaltens, aber doch weiter. Verdammte Feiglinge! Immerhin kriegen wir so unseren Zug und sogar – so viel sei vorab verraten – sogar noch die U-Bahn, die uns nahe unserer Schlafstätte abwerfen wird.

Quintessenz: Wundervoller Abend, großartige Orga, nur leider ein paar Menschen zu wenig. Wir und auch der Veranstalter hatte jedenfalls auf ein paar Meter Leute gehofft. Joahr, wat soll ich noch groß sagen, liebe Lesenden, respektive Hörenden: So lange es solche Veranstaltungen und Läden gibt, wird mir nicht bange. Also kommt aus dem Arsch, unterstützt die DIY-Strukturen, geht auf Konzerte, haut gerade dort mal nen Euro mehr raus, wenn ihr ihn über habt und haltet diese verdammt geile Scheiße weiter am Leben. Gute Nacht!


Fotos und Bericht stehen unter einer Creative Commons Lizenz.

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