RilRec Punkrock Family

Fortuna 95 Düsseldorf vs. FC Sankt Pauli

Fortuna 95 Düsseldorf vs. FC Sankt Pauli

Freitag, 22. April 2016, 18:30 Uhr

Esprit Arena Düsseldorf

Freitag, 22. April, 15:19 Uhr

Der FC St. Pauli, oleeolee, spielt in der ESPRIT-Arena (haha!), die vermutlich nicht nur vom roten Dirk liebevoll „Sprit-Arena“ genannt wird, gegen die dort beheimatete Fortuna aus Düsseldorf. Da simma dabei, dat is priiima (und jetzt alle: „Viiiivaaa…“, jaja).

Ich habe mir in meinem Organisationswahn mal wieder drölf verschiedene Zugverbindungen rausgesucht und blicke bereits beim Einsteigen nicht mehr durch. Das hat zur Folge, dass ich nach viertelstündiger Fahrt in Hagen den auserkorenen Zug schon wieder verlasse, um zwei Minuten später in selbigen wieder einzusteigen. Ich weiß noch – obwohl das bereits 40 Minuten her ist – wie positiv überrascht ich war, dass ich nicht das Gleis wechseln musste und der Anschluss so flott bereit stand. Bis ich kapiere, dass ich im selben Zug wie gerade sitze, vergeht eine gute viertel Stunde. Als ich endlich in Düsseldorf ankomme, bin ich total gestresst.

Freitag, 22. April, 15:24 Uhr

Ich hole mir zwei Bier am Büdchen gegenüber des Hauptbahnhofs, geselle mich mit ein paar Metern Abstand zu der Hand voll anwesender Fortuna-Fans (womit ich meinen persönlichen Respekt bekunden möchte) auf den Bahnhofsvorplatz und stelle die steile These auf, dass ich für dieses Fußballding in seiner Gesamtheit irgendwie doch nicht gemacht bin. Obwohl ich alle FC St. Pauli-Spieler beim Namen nennen kann und sogar ein selten selbst nutzendes Heimspielkartensaison-Abo besitze, was ich an dieser Stelle immer wieder gerne betone. Warum ich das tue, weiß ich nicht. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Auch wenn das Achtergrüppchen, aus dem heraus immer mal wieder ein anderer versucht irgendeinen Schlachtruf anzustimmen, nicht „unsere Farben“ trägt, besteht der Großteil meiner Anwesenheit aus Fremdscham. Als drei, die ganze Zeit nur wenige Meter davon entfernt stehende St. Pauli-Fans, den Ort des Nichtgeschehens verlassen und die acht Düsseldorfer nach einem Blick der Absicherung endlich mit „scheiß St. Pauli“ auf einen gemeinsamen Nenner kommen, verlasse auch ich gelangweilt die Szenerie.

Freitag, 22. April, 15:51 Uhr

Die U-Bahn bringt mich in Sicherheit. Direkt beim Ausstieg vor der wenig imposanten „Arena“ fällt mir das ausgeklügelte Pfandpirat*innen-System ins Auge. Alle fünf Meter stehen unmittelbar am Haltepunkt Klappkisten in verschiedenen Farben, ordentlich in einer Reihe angeordnet. Die Sammelfreund*innen hingegen stehen oder sitzen beobachtend ein paar Meter entfernt. Ich hatte deren Tätigkeit immer für einen eher stressigen Job gehalten, werde hier jedoch eines besseren belehrt.

 

Als meine zweite Flasche leer ist, entscheide ich mich für eine Klappkiste, die ein wenig abseits steht und hinter der ihr Besitzer hockt. Der direkte, persönliche Kontakt ist mir irgendwie symphatischer, als diese Seelenlosen, einfach so abgestellten Sammelbehälter. Mein Gegenüber ist sehr nett und teilt mir lächelnd mit, dass mein Leergut sein erstes heute sei, versichert mir aber auf Rückfrage auch, dass ich trotzdem nichts gewonnen hätte. Dafür kann er mir anderweitig weiterhelfen. Da es hier vor dem Stadion weit und breit weder Büdchen, fliegende Händler*innen noch Bierstand gibt, erkundige ich mich, ob er wisse, wo ich mich mit Nachschub versorgen könne. Daraufhin blickt der Pfandpirat einmal kurz über seine linke Schulter zurück, dann über seine rechte Schulter, winkt mich noch etwas näher zu sich uns spricht: „Psssst! Bei mir!“ Dann schiebt er die Leergutkiste ein Stück zur Seite und unter dieser befindet sich eine weitere Kiste mit verschiedenen, gut gekühlten Biersorten. Ich bin begeistert, zumal es sich bei diesem netten Menschen garantiert nicht um einen Teil einer mehr als grenzwertigen Organisationen handeln dürfte, wie man es vom Millerntor her kennt. Für läppsche 2 Euro wechselt eine Halbliterflasche Pilsbier den Besitzer und macht alle Beteiligten unendlich glücklich.

Freitag, 22. April, 16:12 Uhr

Um 16 Uhr war ich eigentlich mit dem Waschbär verabredet, der mir mehrfach zusicherte, für mich eine Stehplatzkarte organisiert zu haben. Diese käme zwar aus Hamburg, wäre aber genauso pünktlich da, wie er. Ich bin ja immer höchst spektisch, was nichts mit dem Waschbär persönlich zu tun hat, aber am liebsten ist mir eine Mehrfachabsicherung. Im Vorfeld werden mir noch drei weitere Karten angeboten, welche aber alle erst „frühestens um 17 Uhr“ ins Stadionumfeld getragen werden. Also etwa 90 Minuten vor Spielbeginn. Das ist mir alles zu wage und da der Waschbär mit seiner Zeitangabe mein paranoides Wesen am ehesten einzudämmen weiß, entscheide ich mich dafür, mich voll und ganz auf ihn zu verlassen. Da kann mich seine SMS „ich bin noch beim Arzt“ auch nur bedingt aus der Ruhe bringen.

Also schlawenzel ich noch ein wenig durch die Gegend, denn viel ist hier komischerweise noch nicht los, obwohl bereits in knapp 2,5 Stunden Anstoß ist.

Irgendwann stehe ich offenbar an einer Stelle, wo ich nicht stehen darf. Sofort stürmt ein Mann ohne Eigenschaften, wie ich an seiner uniformierten Kleidung erkenne, auf mich zu und raunzt mich an, was ich hier zu suchen hätte. Wortlos zeige ich auf den „Aufsicht – St.Pauli-Elbtunnel“-Aufnäher auf meinem Jackenärmel. Es folgt eine länger anhaltende Gesprächspause.

Freitag, 22. April, 18:11 Uhr

In 19 Minuten ist Anstoß. Ich warte derweil noch immer auf meine Eintrittskarte. Bis gerade haben noch ununterbrochen Menschen versucht Stehplatzkarten von abgesprungenen Leuten loszuwerden. Ich hätte bereits mit einer stolzen Sammlung von Passierscheinen im zweistelligen rumprotzen können, wenn ich nur bei jeder zweiten Gelegenheit zugeschlagen hätte. Der Waschbär ist zwar inzwischen da und verbringt den Großteil seiner Anwesenheit mit hektischer Telefoniererei oder SMS-Empfang, aber so wirklich beruhigen kann er mich damit nicht. Vor eineinhalb Stunden hieß es, dass die Kartenmitbringende Gang nur noch 30 Kilometer vor sich hätte. Eine halbe Stunde später saß meine Karte mit seinem Überbringer angeblich bereits in der U-Bahn. Vermutlich in Hamburg. Angekommen ist jedenfalls bisher niemand. Ich habe keine Möglichkeit mehr meiner Nervösität entgegenzuwirken, da ich inzwischen alle zehn Fingernägel komplett aufgegessen habe.

Freitag, 22. April, 18:13 Uhr

Es trudeln nach und nach weitere bekannte Gesichter ein, die mich zum Teil fragen, ob ich noch eine Karte bräuchte. Ich antworte nicht, freue mich aber darüber, dass mein mangelhaftes Personenwiedererkennungstalent ungefragt Auffrischung erhält. Nach der Begrüßung einer kleinen Gruppe, von denen ich mir jedoch nur eine Person so gut bekannt ist, dass ich sie sofort erkenne, spricht diese in Bezug auf eine weitere Person in dieser Gruppe zu mir: „Ihr kennt Euch vom Bier holen.“ Da klingelt es bei mir natürlich sofort und ist eine Umarmung zur Begrüßung wird.

Freitag, 22. April, 18:19 Uhr

Der Waschbär stürmt mir jubelnd entgegen: „Da, Maks! Da kommt Deine Karte!“ Ich breche vor Freude in Tränen aus und falle meinem irritiert dreinschauenden Kartendealer um den Hals. Dem Waschbär seine Karte hingegen ist noch immer unterwegs. Ich war ja die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wir den gleichen Dealer hätten, aber da habe ich wohl irgendwas falsch verstanden. Ein paar Minuten zeige ich mich noch solidarisch. Dann nutze ich ein kurzes Wegschauen meines Gegenübers aus, um blitzschnell in Richtung Eingang zu sprinten.

Freitag, 22. April, 18:24 Uhr

Ich stehe mit diversen Menschen meines sozialen Umfeldes in der vierten Schleuse. Witzig geht es hier zu, denn man passiert immer eine aus 5-6 Ordner*innen bestehende Kette, um dann keine zehn Meter weiter gehen zu dürfen, wo die nächste nicht brennende Barrikade wartet, die einen nach etwa zwei Minuten passieren lässt. So geht das etwa fünf Mal, bis man endlich gefilzt wird. Die Treppe in den Tribünenunterbereichsraum lege ich dank meiner Begeisterung mit einem Flick-Flack zurück.

Freitag, 22. April, 18:26 Uhr

Schnell noch zum Bierstand. Ich habe mich prächtig vorbeiretet und – obwohl ich es nicht mag – schon am Bahnhof mit KöPi angefangen. Wie schon des öfteren erwähnt, trinke ich verschiedene Biersorten sehr ungerne durcheinander. Und Düsseldorf ist nun mal der Inbegriff dieser Königs Pilsener-Plörre. Jetzt ordere ich für Erik, Daniel und mich drei Bier für nur 15 Euro (inkl. je 1 Euro Becherpfand) und kriege Warsteiner hingestellt. Ich muss schon wieder weinen. Es kann nur besser werden.

Freitag, 22. April, 19:18 Uhr

Halbzeit. Wir haben übrigens einen wundervollen Platz bekommen. Die letzten drei Reihen bestehen aus Sitzplätzen und wir stehen in der allerletzten dieser Reihen und haben einen wunderschönen, fast schon romantischen Ausblick auf das nur bedingt vorhandene Spielgeschehen. Jetzt bin ich doch dafür, dass Fortuna nicht absteigt. Neben mir steht jemand in einem „Pauli-Fans Remscheid“-Kapu, der sichtlich weniger Probleme damit hat, Warsteiner trinken zu müssen, als ich. Als ich mit nichts beschäftigt bin, drückt er mir plötzlich mit den Worten „Brnnkhhmknll“ seinen leeren Becher in die Hand. Zunächst denke ich, dass er mir mitteilen möchte, dass er nun langsam genug hätte und auch keinen Bock mehr habe, extra für das Leergut zum Stand zu torkeln. Ein Geschenk sozusagen. Doch dann legt er mir seinen FC St. Pauli-Schal über die Schulter. Es handelt sich um einen dieser ganz seltenen Exemplare mit unglaublich hässlicher dreifarbiger Kombination am Rand, dessen Farbfolge mit Pissgelb aufhört. Ihr wisst schon. Ich bin ein wenig perplex, doch da folgt schon der Pauli(!)-Kapu, bevor als Ende des Teil-Stripteas auch noch ein Sweatshirt dran glauben muss, so dass mein Nachbar nur noch mit Tanktop bekleidet in voller Pracht vor mir steht. Dann dreht er sein olivgrünes Sweatshirt auf links, zieht es wieder an, lässt Kapu und Schal folgen und verlangt chronologisch korrekt zu guter letzt auch seinen Pfandbecher zurück. Ich blicke ihn an uns frage: „Wat war dat denn gezz? Bringt dat Glück? Schießen wir gleich endlich n Tor, weil Du Dich dat Dingen da auf links gedreht hast?“ Sein „Brnnkhhmknll“ als Antwort reicht mir aus, um für die 2. Hälfte ausreichend Hoffnung zu schöpfen.

Freitag, 22. April, 20:09 Uhr

Vor zwei Minuten verkündete die Anzeigetafel: „Parkhaus 7 wird ab der 85. Minute kurzzeitig geschlossen.“ Jetzt folgerichtig: „Das Parkhaus ist jetzt geschlossen.“ Was ist der Plan? Soll verhindert werden, dass die Leute vorzeitig das Stadion verlassen? Was hier ja eigentlich scheißegal ist, denn die Sitze auf den Tribünen sind damals absichtlich farblich völlig durcheinander installiert worden, damit es auch bei weniger gut besuchten Spielen so aussieht, als sei das Stadion voll.

Freitag, 22. April, 20:16 Uhr

Es werden zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt. Ich frage mich, ob der Waschbär inzwischen im Stadion ist. Verpasst hätte er jeweils ein Tor auf jeder Seite. Damit das auch endlich geklärt ist.

Freitag, 22. April, 20:19 Uhr

„Trööööt!“ Der Chef auf dem grünen Rasen bläst in sein Gerät und befiehlt somit die sofortige Einstellung weiterer Bemühungen. Zeit Pommes zu holen.

Freitag, 22. April, 20:42 Uhr

Der sogenannte „Löwengang“ ist zu unserer Zufriedenheit offen, was bedeutet, dass man nicht extra um Messehalle 8 herum laufen muss, um die U-Bahn zu erreichen. Dort angekommen wird meiner Freude schon wieder Einhalt geboten, denn ohne die mehr oder weniger Individuen in dieser Masse einzeln durchzuzählen, erkenne ich sofort, dass mir das deutlich zu viele Menschen sind. Uns bleibt dennoch nichts anderes übrig, als uns von der Meute aufsaugen zu lassen.

Das traurige Ende dieses Tages vollzieht sich zwangsläufig am U-Bahn-Steig, wo ich von meiner Bezugsgruppe brutal getrennt werde. Während ich traurig winkend aus der abfahrenden Bahn winke, müssen Daniel & Co. dort weiter ausharren und darauf hoffen, dass ein weiteres Schienenfahrzeug im Laufe der Nacht eintrudelt und die Uniformierten ihn dort reinschieben. Ich werd an Euch denken und die Daumen drücken, liebe Freunde. Gute Nacht!

Das Onlinezine wurde Ende 2015 zu Grabe getragen. Bei diesem Bericht handelt es sich daher um eine nicht erklärbare Ausnahmeerscheinung. Alle anderen Berichte seit Anfang 2016 gibt es ansonsten nur noch in Printform im PUNKROCK DIARY. Die nächste Ausgabe erscheint vermutlich am 20. Mai 2016. Weitere Infos findet Ihr hier.

0 Antworten auf “Fortuna 95 Düsseldorf vs. FC Sankt Pauli”

Schreibe einen Kommentar