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Und niemand erklärt Dir den Unterschied…

Untertitel: Sind wir nicht alle ein verlogenes Stück Scheiße?

Nachdem ich mangels Möglichkeiten, meine wirren Gedanken abseits von Konzerten niederschreiben zu können (Kolumnen-Vorwörter in Onlinemagazinen auf den Seiten 3 bis 12 machen halt wenig Sinn), die Rubrik „Zeitloses“ aus dem Menu gestanzt habe, scheint diese auch schon wieder einzuschlafen. Das muss nicht wirklich sein. Und nachdem letztens die eher belustigende Eröffnungszeremonie dieser Kategorie immerhin ein paar E-Mail rausgekitzelt hat (es steht halt nicht jeder dazu, bereits ein Opfer des Katzenweltherrschaftsplan geworden zu sein), machen wir jetzt mal auf PC. Da mag der eine oder andere dicke Backen machen, ist mir aber so ziemlich latte.

Ausschlaggebend für diese Zeilen ist eine E-Mail, die ich aufgrund des letzten Konzertberichtest erhielt und die mir mal wieder wunderbar deutlich machte, wie unreflektiert, gedankenlos und plump viele mit dem Thema umgehen. Immerhin hab ich mit diesem Nebensatz offenbar jemanden damit erreicht, was eigentlich gar nicht meine ursprüngliche Absicht war. Und manchmal kann ich einfach nicht anders, als bei der Antwort auch wirklich etwas auszuholen. Warum mit diesen Gedanken, die somit eh ne Ergänzung zum letzten Bericht darstellen, also nicht mal wieder diese Rubrik füllen. Los geht dat:
 
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gelegentlich im Fan-Forum des FC Sankt Pauli rumkritzel. Das ist im Regelfall auch meistens eine recht OKe Geschichte, weil sich hier eben nicht das durschnittliche deutsche Dummfußballvolk rumtreibt und ein Großteil der FCSP-Fans mehr Lebensinhalte als Fußball, (gerne mal) Ficken (wollen), Alkohol ihr eigen nennen. Das mag bei Fans anderer Vereine auch so sein, doch stellt der FCSP (allen voran seine „Fanszene“) in seiner Quantität und seiner Präsentation nach außen für mich doch nach wie vor eine einzigartige Ausnahme im Profifußball dar. Rotzalledem ist natürlich auch dort nicht alles gold, was glänzt. Und so hört für viele (bei diesem Verein jedoch zum Glück bei WEITEM nicht für alle) das, was sie mit der Kultur der Sankt Pauli-„Fanszene“ verbinden, was sie als „das besondere“ sehen, was den FCSP ausmacht, bei „Nazis raus!“ auf.
 
Nein, es geht hier gar nicht um Fußball (um den Autor der Überschrift noch einmal zu zitieren). Aber es ist trotzdem ein wunderherrlicher Aufhänger, um das grundlegende Verständnis von vielen „linken“, „toleranten“ – oder nennt Euch doch wie Ihr wollt – Menschen, mal in den Mittelpunkt zu rücken. Das heutige Thema, herzallerliebste LeserInnen  (der „Fenster schließen-X“ ist oben rechts), lautet: SEXISMUS. Yeahy!!
 
Jaja, ich weiß – Ihr mich auch. Fakt ist, dass auch beim FCSP genau DAS ein Thema ist. Mag man über die Ultra-Szene denken was man will. Zumindest auf Sankt Pauli ziehe ich bzgl. der These meinen Hut. Sei es Maxim-, sei es Starcars- oder Astra-Werbung: Sexismus ist bei einem Stadionbesuch am Millerntor allgegenwärtig und kotzt mitunter auch gehörig an. Das stört nicht alle, vielleicht auch nur wenige, doch gerade von einem Verein, der das Bild des toleranten, menschlichen und „sozialen“ Fußballvereins verkörpern will, könnten wir vielleicht doch ein wenig mehr erwarten…. oder von wem überhaupt?
Wer hat da gerade die Prüde-Keule geschwungen? Das Totschlagargument, wenn irgendwelche „PC-Faschisten“ nackte Ärsche auf Werbeplakaten anprangern. Ich spiel für Euch jetzt tatsächlich den PC-Oberlehrer, wenn Ihr es so sehen wollt (wer mich kennt sollte wissen, dass ich alles andere als DAS bin), und werde dabei auch auf gesagtes Totschlagargument eingehen. Nicht, weil ich so schlau bin, sondern weil ich immer wieder nur staunen kann, welches (Un-)Verständnis vorherrscht, wenn es zu dem leidigen Thema kommt. Auch in Teilen meines persönlichen Umfeldes.
 
„Dat is doch nicht sexistisch!!“

Wenn in Werbung Frauen zu sehen sind, so geschieht dieses häufig indem ihre (ich formuliere es mal so, um dem Thema gerecht zu werden und damit es auch jeder versteht) „sexuellen Aushängeschilder“ ins Rampenlicht gerückt werden. Komischerweise ist das bei Männern verhältnismäßig sehr sehr sehr selten der Fall. In diesen Momenten wird die Frau auf eben diese „Aushängeschilder“ reduziert. Das stellt somit eindeutig eine Diskriminierung dar. Genau DAS ist Sexismus. (Klicken und nur einen kurzen Blick drauf werfen dürfte reichen um zu erkennen, was ich meine.)

Und was ist jetzt daran so schlimm? Ist doch toll anzusehen!!

Schlimm daran ist, dass diese Werbung (=> Reduzierung => Diskriminierung) einen nicht unerheblichen Anteil zu der Konstruktion (klingt etwas abgehoben, ich weiß… lässt sich aber tatsächlich mit  „gesellschaftliche Prozesse, die Realitäten herstellen“ wohl noch am verständlichsten ausdrücken) eines Frauenbildes in der Öffentlichkeit beiträgt, bzw. das eh schon vorherrschende Bild/die vorherrschenden Verhältnisse manifestiert. Machen wir uns doch nix vor: Die Flimmerkiste eingeschaltet, sehen wir überwiegend männliche Superhelden (und seltenst weibliche), kriegen erklärt, wie ein „richtiger Mann“ zu sein hat, dass für ihn „ein tolles Haus, ne geile Frau, usw.“ oben auf der Prioritätenliste steht, usw. (was auch große Scheiße, aber hier nicht das Thema ist). Auf der anderen Seite sehen wir die Frauen, die nicht selten ihre „Titten und Ärsche“ in die Kamera halten um die Aufmerksamkeit auf sich und dann auf die Werbung/das Produkt zu lenken. Paradebeispiele siehe oben, es gibt aber noch unendlich mehr davon. Einfach mal im Alltag die Augen offen halten (wenn man sich dessen ein wenig bewusst ist und nur mal die TV-Werbung halbwegs aufmerksam schaut, bekommt man – gerade auch was das Thema „ein richtiger Mann“ angeht – vielleicht nen kleinen Einblick von dem, was ich meine).

So wird eben dieses in der Gesellschaft überwiegend vorherrschende Bild aufrecht erhalten und auch schon Kids und Jugendlichen in jungen Jahren klar gemacht, wie die Verhältnisse sind: Bei der Frau ist es erstmal wichtig, dass sie ne „geile Alte“ ist.

Es ist scheißegal, wie jeder einzelne Betrachter des Bildes darüber denkt oder wie er es aufnimmt. Klar gibt es beim FC Sankt Pauli, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis und woanders natürlich auch, viele Menschen, die Frauen in hohem Maße respektieren, etc., und denen so eine Werbung (scheinbar?) „nix antun“ kann. Es geht hier auch nicht um Dich, mich, irgendwen, sondern um ein eh gesellschaftlich vorherrschendes Bild (Rollenverständnis), in welchem Frauen oft auf „Sexualobjekt“ (welches es folglich zu ermächtigen gilt) reduziert werden. Dieses Bild wird damit fortgeschrieben, unterstützt und manifestiert. Natürlich NICHT NUR durch solche Werbung, aber sie trägt in hohem Maße dazu bei!!

Geht´s nicht etwas konkreter?

Doch, geht es, nur um ein Beispiel zu nennen: Fragt doch mal die Mädels und Frauen, wie oft sie in U-Bahnen, S-Bahnen, etc., wenn sie alleine unterwegs sind, doof von der Seite angemacht werden. Was denkt denn Ihr, warum für die Jugendlichen diese sexuelle Selbstinszenierung so wichtig ist, warum sie sich ihren Freunden gegenüber so beweisen müssen? Weil die Gesellschaft (Medien, etc.) es so vor gibt!! Mann: Erfolgreich, Frau haben wollen, Durchsetzungsstark, etc. – Frau: Geile Titten, geiler Arsch. Die gibt´s dann quasi zur Belohnung oben drauf, wenn man den gezeigten Anforderungen an den richtigen Mann genügt.

Nur „leider“ sind diese übermittelten Ideale, denen der gemeine Junge/Mann so nacheifert nicht so leicht zu erreichen. Da muss die sexuelle Selbstinszenierung (Frauen anmachen) schon mal etwas heftiger ausfallen, um das zu kompensieren.

Also: Frauen in Werbung öffentlich so darzustellen unterstützt diese Verhältnisse in hohem Maße. Ob jeder einzelne das wahrhaben will oder nicht. Es prägt das Bild der Frau in der Gesellschaft in hohem Maße mit! Und wer ehrlich mit sich selbst und seiner Umwelt ist, dem fällt dieses öffentliche Bild auch auf (auch wenn man vielleicht meint, selber nicht so zu sein, aber das spielt auch keine Rolle)!

Wer ist denn jetzt prüde?

Warum Menschen, die das erkannt haben prüde sein sollen, entzieht sich jeder Logik. Wenn der „Antisexist“ mit einer Frau zusammen ist (das geht auch ohne vorher den Macho raushängen zu lassen) und beide Bock auf geilen Sex haben, dann ist das unabhängig von der Beurteilung des Bildes der Frau in der Öffentlichkeit. Denn geiler Sex ist nicht abhängig von der Ermächtigung des weiblichen Geschlechts. Und dafür muss ich nicht gezeigt bekommen und auch nicht der Meinung sein, dass das wichtigste an Frauen Arsch und Titten sind. Trotzdem kann der Antisexist mit der Frau, die in der Situation eben auch Bock drauf hat, geilsten Sex, meinetwegen mit den unterschiedlichsten Fetischen, etc., haben. Kleine These am Rande: Vermutlich sogar geileren, intensiveren und meinetwegen auch sogenannten „schmutzigeren“ Sex, als diejenigen, die diese sexistischen Billigbilder „lustig“, „anziehend“, oder was auch immer finden. Wer es nötig hat… bitte schön…

Also streicht Euer „Antisexisten sind prüde“ aus Eurem Hirn. Eine völlig leere Floskel, die lediglich darauf basiert, dass man den Unterschied zwischen Sexismus und Sexualität nicht kapiert hat.

Und was hat das jetzt mit Sankt Pauli zu tun?

Hier wird die Denkweise, die in „unserer Gesellschaft“ vorherrscht, nun mal besonders „schön“ deutlich: Wer meint, dass eben zu diesem „besonderen“ (nix Kult) Verein, zu seiner „Toleranz“, usw. usf., die den FCSP ausmacht, eben auch solche „witzigen“ Werbeplakate – die Reeperbahn ist ja auch nicht weit – gehören, der hat sich geschnitten. Offenbar ist es aber leider oft so, dass die Nähe zur Reeperbahn als Argument für solche Anzeigen herhalten muss. Sei es, um das Bild des Kiez-Clubs zu untermauern oder um zu relativieren: „ist doch alles nicht so schlimm, da umme Ecke ist doch viel schlimmer!“ (ach so… na dann dürfen wir ja ruhig weniger „schlimme Dinge“ machen…)

Gerade hier sollte das auf dem Kiez gerne transportierte Bild, des ermächtigungswilligen Mädchens, nicht noch durch so ne Scheiße verstärkt werden. Schlimm genug, dass rund ums Stadion Sexismus oft groß geschrieben wird. Dass der Verein zu diesem Bild (siehe oben) noch seinen Beitrag drauf packt und die geschlechtsspezifische Rollenverteilung (Stereotypen) weiter fortschreibt und unterstützt (ja, das tun sie damit), ist erbärmlich, peinlich und wird dem propagierten Bild, des anderen, besonders sozialen Clubs, nicht gerecht. Dazu gehört halt schon etwas mehr, als „nur“ gegen Nazis zu sein.


Und wer ist jetzt das Stück verlogene Scheiße?

Mir fällt da zunächst mal ich selber ein. Ich bin ja schließlich auch kein Veganer, (Update OKT 2010: OK, jetzt mal wieder schon gerade… fragt sich nur, wie lange dieses mal) obwohl ich Vegetarismus eigentlich inkonsequent finde. Die ganze Scheiße erkannt zu haben und trotzdem weiter zur ASTRA-Flasche zu greifen, zeugt ebenso von einer Art Inkonsequenz. Und dass ASTRA und der FCSP irgenwie zusammengehören und das auch in der hiesigen „Fanszene“ so gesehen wird, ist kein Geheimnis. Da wird auch gerne schon mal das eine oder andere Antisexismus-Auge zugedrückt, wenn es um das „Kultbier“ geht. Dass unter genau diesen Leuten nicht wenige sind, die diesbezüglich ähnlich denken wie ich, wage ich zu behaupten. Und es ist auch kein Geheimnis, dass ich weiter zum schmackhaften Hamburger Stadtteilbier greifen werde und mich freue, wenn im Panic Room, in der Schweinebucht oder wo auch immer, das handliche Gesöff verfügbar ist.

Warum?
Weil’s schmeckt.
Amen.

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