Sonntag, 22.02.26, 17:30 Uhr, Bundesliga (M), 23. Spieltag, Millerntor

Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.

Vorgeplänkel, Montag

Es steht auf Schildern, in Kommentarspalten und in Internetforen: Das Spiel MÜSSEN wir gewinnen. Ein Punkt reicht nicht, das wäre es dann gewesen, alle raus und so weiter halt. Jetzt komme ich daher und sorge mal für Abwechslung: Nö, ein Punkt reicht erstmal. Meinetwegen ein 0:0.

Eh, klar, ich würde auch viel lieber gewinnen, hätte aber auch Verständnis, wenn der taktische Fokus auf "hinten dicht" liegt, auch wenn der gemeine Fan (digital und physisch) arg schimpfen würde.

Wir sehen doch gegen die sportlich "Größeren" immer ziemlich gut aus (nächster Halt Sinsheim), hatten vor dem Leverkusen-Debakel eine wirklich gute Phase mit (auch) viel Pech. Aber das wird (hoffentlich) kein Dauerzustand bleiben. Wenn wir jetzt den Abstand auf Platz 16 (2 Points) halten und in den restlichen Spielen das Pre-Leverkusen-Niveau wieder abfrufen können, dann sehe ich gute Chancen, dass wir am Ende auf Platz 16 landen. Dann schießen wir in der Relegation Schalke aus der Halle und feddich is die Laube.

Woher ich das weiß? Wenn ich in schlaflosen Nächten doch mal einnicke und kurz danach wieder wach werde, habe ich regelmäßig zwei Ohrwürmer: "Macht sie alle, schießt sie aus der Halle!" (ursprünglich aus dem Eishockeyschen übermittelt; gemeint ist hier jedoch die Schalker Turnhalle aka Veltins Arena) und "Die Nummer 1 im Pott sind wir!". Dieses Internet sagt dazu: "Hochsensible Personen (HSP) besitzen oft eine stark ausgeprägte Intuition." Der Drops sollte damit gelutscht sein.

Vorgeplänkel, Samstag, 17:30 Uhr

Meine ganze Expertise im Arsch. Vergesst alles, was ich je geschrieben habe. Augsburg hat soeben irgendwie in Wolfsburg gewonnen. Daher neuer Plan: Morgen ein geschmeidiges 4:0 und Platz 15 dann locker flockig über die Ziellinie schaukeln.

Herzchen übrigens noch an den Pressesprecher von Werder (bzw. die Person, die die Bremer PK vor dem Spiel eröffnet hat). Sinngemäß (oder fast wörtlich): "Denkt an die Regeln! Das heißt SANKT Pauli und nicht Pauli!"

schnee

Matchday

Seit langem mal wieder Süd. Stehplatzstehen geht noch immer nicht, dafür aber S3, letzte Reihe und somit mit favorisierter Stehoption, die wir auch als (fast) einzige durchgehend wahrnehmen. Wenn doch bloß die Stimmung hier oben so wäre, wie da unten. Da brodelt es schon wieder während des Warmmachens, die Freaks sind in Ekstase und wir hier oben mit unseren unermüdlichen Bemühungen eher alleine auf weiter Flur. 

together

Mancheiner*m scheint es wichtiger zu sein, möglichst viel mitzufilmen. Ich vermute Handyspeicherkapazitäten, die ein vielfaches von meiner sein müssen. Auf Grund dieser und aller anderer Erkenntnisse, schlage ich aus sozialwissenschaftlicher Sicht folgenden Umbau vor:

Die Süd wird statisch perfektioniert und zur reinen Stehplatztribüne umgebaut (in der Hoffnung, dass das nicht kontraproduktiv ist und mehr Leute mitsupporten, als in der traurigen Dortmunder Südkurve). Auf der GG werden Steher zu Sitzer und umgekehrt. Offenbar ist nicht nur mir der Wandel in der Nachfrage dort aufgefallen. GG-Stehplätze werden nummeriert als Akt gegen die Handtuchmentalität. Und Handys bleiben draußen, Ausnahme N1, die neue (hate your) Heimat der Dauerfilmenden. Dort werden die Kartenpreise verdreifacht, um andere Karten zu subventionieren.

OK, das sind nebensächliche Gedanken. Primär: Klassenkampf. Die da unten auf dem Rasen zusammen mit uns. Das Team wird schon vor dem Betreten dessen darauf eingeschworen, greift sich nach der Begrüßungsrunde das Banner, welches uns bereits in der letzten Saison über die Ziellinie begleitet hat, und stellt sich vor die Süd. Das Adrenalin steigt.

klassenk

Doch bis dahin muss ich erstmal reinkommen. S. ist durch den FLINTA*-Eingang flott drin, ein paar Leute nörgeln wie scheiße und unnötig das doch sei und haben nichts verstanden. Ich habe Glück, dass neben mir auf einmal zwei wohl bekannte Gesichter stehen und genau das machen, was ich am wenigsten von ihnen erwartet hätte: Sie trinken alkoholfreies Bier. Was folgt ist ein Austausch über alkfreie Biersorten auf überraschend hohem Niveau, qualitativ (Geschmack) wie quantitativ (Sorten). Ich bin angesichts des informativen Austausches dermaßen perplex und vertieft, dass ich es halbwegs schaffe viele Reize auszublenden und die Phobie in der Menge flach zu halten.

dasganzestadion

Es ist natürlich schade, dass dieses Derby der Liebe mit direktem Konkurrenzkampf ums Liga-Fortbestehen einher geht. Es gibt auch (falls ich nichts verpasst habe) keine Freundschaftschoreos oder sonstiges. Beide Kurven konzentrieren sich auf das gerade Wichtigste: Alles geben für den Klassenerhalt. 

Ausgenommen davon und immens wichtig, das gemeinsame Gedenken an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau am 19.02.2020 zum Seitenwechsel. Bereits vor dem Spiel wurde den Opfern über die Stadionlautsprecher gedenkt: Ibrahim Akkuş, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov.

names

Das Spiel... Ihr wisst es selber. Zerfahren, schwieriges Geläuf und wirklich - Geläuf hin oder her - nicht gut. Nach einer halben Stunde fängt das vor uns sitzende Kind konsequenterweise (also aus Kindersicht) an, auf seinem Handy zu zocken. Dass es zur Halbzeit 0:0 steht ist ein kleines Stück mehr gerecht, als glücklich. 

zock

Halbzeit zwei durchaus schwungvoller und irgendwann so scheiße spannend, dass ich froh bin, dass der Platz neben mir frei ist. Ich trete ungerne Menschen beim mitspielen gegen das Schienbein. Auf dem Rasen hat manch Bremer da weniger Hemmungen, doch das, was aus Stadionsicht äußerst brutal aussah, konnte in der TV-Realität wohl relativiert werden. 

Der Rest des Sportlichen dann aber doch in gewohnter Kürze: Fujita ist das Feierbiest in cool und wir auf Platz 16. Ich hör schon den Steiger kommen. Länger macht es wie gewohnt umso besser der Millernton. Vorteil, dass ich dieses Mal selber spät dran bin: Ich kann auch mal an weitere Kolleg*innen verweisen, denn auch Gröni hat bereits seine wie immer wundervollen Fotos samt Text online und Hossa hat für den Übersteiger sein Erleben in Worte gefasst. 

Nach exakt 6 Nachspielminuten ist der Jubel groß. Einerseits: 6 Minuten? Wofür? Andererseits auch irgendwie ein Witz, dass nach der einen oder anderen Spielverzögerung währenddessen - auch wenn sie bei uns längst nicht so exzessiv ausgelebt wurde, wie bei manch anderen Teams - der Schlusspfiff dann auch nicht erst ne weitere Minute später ertönt. Wir einigen uns darauf, uns nicht zu beschweren.

ehrenrunde

Ich weiß nicht, ob ich sonst nach dem Spiel nicht so sehr in Richtung Rasen starre oder ob es einmalig war, dass Alex wie einst Franz B. nachdenklich (?) über den Rasen schlendert. Vielleicht hat er aber auch einfach nur auf sein Interview gewartet.

alex

Als wir rausgehen, begegnen wir noch einmal H. und N., die - genau wie wir - auch das Spiel über Alkoholfrei geblieben sind. Das müssen diese 6-Punkte-Spiele sein, von denen immer alle reden.

Andere hingegen haben sich mal wieder abgeschossen, bis sie gar nichts mehr merken. Als ein Vollpfosten von hinten gegen den Gedenkstein auf dem Harald-Stender-Platz pinkelt, bin ich nur schwer zu halten, belasse es dann aber beim anschreien, als ich merke, dass der Typ das nicht einmal mehr registrieren, geschweige denn sprechen kann. Puh.

Jetzt bitte auch was in Hoffenheim holen. Für mich ist an dem Wochenende Zwangspause. Wir lesen uns (hoffentlich) wieder in 14 Tagen. Gute Nacht!

Abschließend noch was fürs Herz:

eich

schnee2

sunsh

Und was ohne Herz:

schsse