Sonntag, 09.08.26, 15:30 Uhr, 2. Bundesliga (M), 1. Spieltag, Millerntor
Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den vorgeschobenen Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich und geht häufig über den Spieltag hinaus. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.
Vorgeplänkel I.:
Die Vorfreude und ihre Auswirkungen
Es ist so: Bis Mittwochmorgen hatte ich null Bock auf diese Saison. Seit Mittwoch 11:00 Uhr freue ich mich hingegen darauf, wie schon sehr lange nicht mehr, komplett Spielklassenunabhängig. Und damit geht es dann wohl auch hier erstmal weiter.
Auch bei S. setzt schlagartig die Vorfreude ein, was sich dadurch bemerkbar macht, dass sie aus heiterem Himmel lauthals Vereinslieder, die aus verganenen Zweitligajahren so hängengeblieben sind, schallert. So geht das auch weiter, als wir uns später über (dann doch) geplante Fahrten unterhalten. Zwar passen die Songs nicht immer zu den Gegnern, aber was zählt ist die gute Laune. Zurecht!
Damit wären wir dann auch beim vielleicht positivsten Aspekt für diesen Abstieg: Ein morgendliches "FC Bayern, Stern des Südens" bleibt mir zumindest erspart. Unabhängig von Symphatie (freundschaftliches Verhältnis unter den Ultras und teils darüber hinaus; politisch sehr gut aufgestellt) oder Antipathie (auf Grund zu vieler mir unsympathischer Protagonisten im Verein, schaffe ich es einfach nicht den Schalter komplett umzulegen), ist dieser Gassenhauer offensichtlich perfekt dazu geeignet, ihn in seeeehr hoher Tonlage zu intonieren. Die Katze ist sicher auch froh, dass ihr das 2026/27 erspart bleibt.
Vorgeplänkel II.:
Sommerliche Neurodivergenz
(one more time)
Möchtet Ihr vorab noch ein neurodivergentes Schmankerl lesen, bevor es mit dem kurz eingeworfenen Wesentlichen losgeht? Gerne (naja): Ich mache mir über verschiedene Dinge seit Tagen Gedanken. Da wäre zum einen die T-Shirt-Auswahl. Ich habe auf Grund des Sommers und der Zunahme von ein paar kg, die mich zwischen zwei T-Shirt-Größen hängen lassen hat, das erhöhte Problem eines extremen Unwohlseins, wenn ich Kleidung an meinem Oberkörper spüre. Das ist für viele hochsensbile Menschen typisch: Hier kratzt ne Naht, da scheuert irgendwas und dort ist das Material zu dicht gewebt. Ein Blick auf die Hersteller*in-Firma zeigt mir häufig, dass ich gar nicht erst fühlen muss: ich weiß genau, was mich da haptisch erwartet und das geht gar nicht. Die gerade geschilderten Aspekte verstärken dieses Empfinden sehr.
Wenn ich aktuell meinen Kleiderschrank durchstöber, dann kriege ich bei jedem erblickten T-Shirt direkt eine ganz unangenehme Gänsehaut: Kann ich unmöglich tragen, das ist insbesondere bei den Temperaturen und überhaupt gerade mega unangenehm, es geht einfach nicht. Dabei habe ich wirklich sehr, sehr viele T-Shirts (die meisten davon Bandshirts von irgendwann mal), weil ein Ausmisten mir auch nicht leicht fällt. Das klingt sehr nach privilegiertem Luxusleben ohne sonstige Sorgen (sic!), ist aber nun mal meine Lebensrealität und für Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, sicher gar nicht vorstellbar.
Der andere Punkt ist die Sonne. Ich hasse Hitze und Sonnencreme auf meinem Körper. Das Geschmiere, der Geruch, alles. Auf der anderen Seite habe ich sowas wie eine Sonnenbrandphobie. Seit Tagen schaue ich stündlich auf den Wetterbericht für Hamburg. Leider bleibt es bei wolkenlosen 31 Grad und damit rund 10 Grad oberhalb meiner Wohlfühltoleranz. Ich überlege, wie ich mich gegen die Sonne schütze ohne Sonnencreme an mich ranzulassen. Ich habe wenig Bock rund ums Stadion eine sogenannte Legionärsmütze (was für ein Kackname) mit schützendem Stoff über Ohren und Nacken zu tragen. Sonnencreme unterwegs drauf machen geht gar nicht und morgens ist auch nicht die Zeit, bis die eingezogen ist und ich bereit wäre, den eh schon schwer erträglichen T-Shirt-Stoff von bestenfalls noch zwei so gerade zu ertragenden T-Shirt-Optionen drüber zu werfen. Überhaupt den gazen Tag dann das Zeug am Körper zu haben: Never! Es ist nicht zu lösen!
Ich suche mir tatsächlich Videos raus von den letzten sommerlichen Heimspielen mit Anstoßzeit 13:30 Uhr um zu checken, wie dann die Sonne auf meinem Platz steht (ich kann mich an sowas schlichtweg nicht erinnern). Vielleicht sind meine Sorgen ja unnötig, wenn ich mich vorher primär im Schatten aufhalte und da oben gar keine Sonne hinkommt. Aber keins der Videos hilft wirklich weiter. Es sind Gedanken, die seit Tagen (und Nächten!) omnipräsent sind. Neurodivergenz, Hochsensinbilität: für nicht Betroffene nicht nachvollziehbar.
Vorgeplänkel III.:
Neurodivergente Hinfahrt
Ohne Matchday wäre das heute ein Tag, um die Kapas wieder aufzufüllen. Abgekürzt: Couch-Tag. Die gestrigen zahlreichen Reize (familiärer runder Geburtstag mit nicht nur Familie) haben die Kapas leergesaugt, dazu kommt das oben Geschilderte. Aber hilft ja alles nix: Ich habe einen wirklich guten Platz ergattern können (danke!!), freue mich auf die Saison, freue mich ein paar Leute zu treffen (alte und neue Gesichter) und vor mir liegt das Zugticket. Also Augentropfen rein, die Wettervorhersage bestmöglich ignoriert und mit großem Gepäck (aber ohne Sonnencreme und Legionärsmütze) vs. sämlticher Eventualitäten, die mir sonst noch begegnen könnten, am sehr frühen Morgen aufgemacht.
S. fällt heute leider aus, ist aber so nett, mich um 5:30 Uhr zum eigentlichen Umsteigebahnhofzu zu fahren. Der Weg dorthin mit gerade nur stündlich fahrenden Optionen wäre ein weiterer Triggerpunkt gewesen. Unendliche Dankbarkeit one more time.
Dort angekommen ist es vom Schema, wie so häufig: eine Marginalisierte Person im Rollstuhl fährt an mir vorbei und grüßt mich freundlich. Sie ordert am erstbesten Stand Brötchen und Kaffee. Erstgenannte kann sie noch entgegennehmen, doch bevor der Kaffee fertig ist, wird sie von dem breitbeinigen DB Security Duo rausgeschmissen. Ich stand die ganze Zeit bewusst daneben, es ist bis dahin nichts vorgefallen. Ich gehe in die Diskussion, bekomme natürlich keine Antworten und bringe der Person den Kaffee raus. Pure Freundlich- und Dankbarkeit. Ich hole noch auf Bitte etwas vom Kiosk, die Person besteht darauf, mir das Geld dafür zu geben. Ich lehne dankend ab und wünsche noch einen schönen Tag, so gut es das Leben halt zulässt.
Klar kann es sein, dass vorher oder früher schon mal was vorgefallen ist, die Person Hausverbot hat oder whatever. Bei den handelnden Personen zweifle ich allerdings daran, dass die auslösende Ursache beim Rollstullfahrer liegt.
Etwas runter holt mich ein netter Schnack mit einer Person, die das gleiche Amedspor Trikot trägt, das bei mir zu Hause in der Schublade liegt. Danke dafür.
9:30 Uhr: Wir stehen auf Grund eines Polizeieinsatzes auf der Strecke nach Hamburg in Bremen fest und müssen wieder zurück fahren, juchu! Wie weit der Umweg geht weiß derzeit niemand. Supi.
11:15 Uhr: Mit +1:15h erreichen wir Hamburg, ich hetze zum Stadion, komme noch so gerade rechtzeitig um Leuten vorher hallo zu sagen und dann endlich: Pommes!
Match
Damit ist dann auch alles gesagt. Naja, fast.
Das Spiel machte durchaus Lust auf mehr. Ja, es ist natürlich noch Luft nach oben (Hallo? 1. Spieltag! ). Und trotz Überlegenheit hatten wir es auch Ben zu verdanken, der seine Stärken im 1 gegen 1 und "auf der Linie" (bzw. wie notwendig ein paar Schritte davor) heute grandios ausspielen konnte. Alles weitere erzählt euch der Millernton.
Auf der Rängen top Stimmung. Die neuen Boxen: Toller Klang aber viel zu viel zu viel zu laut. Da wäre aus GG Sitzplatzbereich gesehen bzw. gehört weniger mehr.
Tapeten gab es auch einige (ohne Garantie auf Vollständigkeit): Auf der GG "Hersh forever", zum jährlichen Gedenken an Hersh Goldberg-Polin (hebräisch הרש גולדברג-פולין ; geboren am 3. Oktober 2000 in Berkeley, Kalifornien; entführt auf dem Nova Festival von der Hamas, ermordet im August 2024 in Rafah).

Eine weitere Tapete auf der GG: Die Forderung, der Wunsch, der Appell nach "Sicherheit für jüdische Fans am Millerntor".

Auf der Süd (unten, Seite GG) zu sehen: "Gegen autoritäre Machtstrukturen!" sowie "scheisz Männer überall!"
Komplett losgelöst von jedem Kontext (!!!) : 4 x Ja!
Das einzige was nervte war hier und da ein vernehmbares kritisches Raunen, wenn einige Sachen noch nicht so klappten. Und warum ein Spieler, der den Ball köpft und unmittelbar danach ne Kopfnuss kriegt keinen Elfmeter zugesprochen bekommt, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Ricky zuerst am Ball, Gegner kommt ein Hundertstelsekündchen zu spät und knock ihn um. Wo Unterschied zwischen Fuß und Kopf? Maik, sach schon!
Abpfiff, erster Punkt, hätten auch 3 oder keiner sein können, also schon ok.
Rückfahrt: Die komplette Reizüberflutung des heutigen Tages zzgl. Gestern kommt am Gleis durch. Megavoll, keine Verspätung angezeigt, trotzdem kein Zug zu sehen. Dann werden Verspätungen erst immer viel später im 5 Minutentakt, bis die 30 fast voll sind, eingeblendet. Dafür fahren ständig Regionalbahnen ein. Durchatmen, keine Panikattacke kriegen, das Wasser schießt in die Augen, fließt aber nicht. Dann ab ins Ruheabteil, wieder voll, aber der Platz neben mir bleibt frei. Durchatmen, Augentropfen nehmen, Puls runterschrauben, Wasser trinken. Entspannt war das heute irgendwie nicht und trotzdem irgendwo schön. Momente, die ich trotz des Stresses nicht missen will und dankbar dafür bin. Gute Nacht!
Noch eben die Siegerin des Tages krönen (aber ohne Krone, so einen Scheiß brauchen wir nicht): 2 Kids, 1 x männlich gelesen, 1 x weiblich. M: Teutsches Nationaltrikot von Florian Wirtz. W, daneben sitzend: Trikot von Roter Stern Leipzig. Keine weiteren Fragen.














