Samstag, 12.09.26, letzter Spieltag, Blindenfußball-Bundesliga (Mixed), Kennedydplatz, Essen

Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den vorgeschobenen Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich und geht häufig über den Spieltag hinaus. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.


Die Ausgangssituation

Der letzte Spieltag der Blindenfußball-Bundesliga steht auf dem Plan, es ist mal wieder extrem spannend und ich ziehe diesen dem bevorstehenden Heimsieg der Profis gegen Wolfsburg vor (Edit, 12.09.26, abends: Krass, tatsächlich!). Das hat diverse Gründe. Für Euch viel wichtiger ist aber die Konstellation vor diesem letzten Spieltag:

(Quelle, wie auch im weiteren: https://blinden-fussball.de).

Das alleine sieht schon hochspannend aus. Noch spannender wird es, wenn wir uns die beiden allerletzen Begegnungen dieses finalen Spieltags anschauen:

260909spieltag

Das heißt: Sollte Blista Marburg gegen Stuttgart nicht gewinnen, dann können wir noch Meister werden. Sollte Stuttgart gar gewinnen, dann reicht uns sogar ein Unentschieden gegen den BVB. Sollte Marburg ihr Spiel allerdings erfolgreich gestalten, dann wären sie durch und für uns ginge es dann "nur" noch um die Vizemeisterschaft.

Der Vollständigkeit halber: Zuvor spielen noch Wien gegen Düsseldorf und Hertha gegen Schalke. Auch am Freitag findet ein Spiel statt: Bei Ingolstadt (bisher 1 Punkt) und Köln (0 Punkte) geht es darum, wer die rote Laterne zum Saisonabschluss mitnimmt.

Das hat mit Fuß, das hat mit Ball...

Mit meinem ersten Kaffee wird mir erst so richtig bewusst, dass ich heute nicht am Millerntor sein werde, so groß die Vorfreude auf den Blindenfußball-Finalspieltag auch ist. Cottbus wird für mich aus Gründen auch ausfallen, so dass ich hoffe zumindest gegen den KSC (Olé!) wieder dabei sein zu können. Das ist noch ein verdammter Monat bis dahin. Aber auch völlig ok, weil es nun mal wichtigeres gibt als Fußball, selbst wenn es um den FCSP geht. 

Was uns in Essen erwartet hat dann von den Rahmenbedingungen her wenig mit dem zu tun, was wir sonst so vom Blindenfußball gewohnt sind. An den letzten Spieltagen geht es regelmäßig auf öffentliche Plätze in Großstädten, um neue Fans für die Sportart begeistern zu können. Was zum einen positiv ist, hat natürlich auch seine Haken, wie beispielsweise die nicht immer gewährleistete, für die Sportler*innen allerdings immens wichtige Ruhe während des Spiels. Wer nichts sieht, ist zwangsläufig auf akustische Signale angewiesen und jedes Störgeräusch ist da eins zu viel. Und natürlich bleibt auch ein kleines Stück von dieser wundervollen persönlichen Note (Nähe) flöten, die aber auf Grund der vertrauten Herzlichkeit unseres Teams - dem wir unmittelbar nach unserer Ankunft auf dem Weg zum Mittagessen zufällig in die Arme laufen - trotzdem vorhanden ist.

01outside

So finden wir uns in einem mobilen Pop-up-Stadion für rund 2.300 Besucher*innen wieder, welches ursprünglich für den kurz zuvor stattfindenden SOCCA World Cup 2026 temporär errichtet wurde. Erinnerte stark an die ehemalige provisorische Gäst*innen-Tribüne in Elversberg mit festgetackerten Stühlen. Ich schätze, dass gut 300 Leute am Ende da waren (können auch mehr gewesen sein, ich kann sowas schlecht schätzen) und um ohne Angepöbel stehen zu können, blieb uns nur die letzte Reihe.

3kurve

Etwas unangenehm, dass die ganze Zeit grimmig dreinblickende Security im Halbkreis herum tigerte, die "besser" (sic!) ausgerüstet war, als die meisten Ordner*innen in Bundesligastadien und die ihre Daseinsberechtigung darin fand, dass sie Kids mit einem autoritären Fingerzeig davon abhielt, weiterhin ihre Schuhe auf den leeren Sitzen vor ihnen abzulegen.

Direkt an der Bande stehen ging natürlich auch nicht, so dass uns leider einige Spielszenen verborgen blieben, bzw. wir bei Duellen an der Seitenbande nur die Oberkörper zu sehen bekamen. Schön wäre, bei dem ganzen Aufwand, der hier betrieben wurde, wenn es bei der effektiven 2 x 20 minütigen Spielzeit endlich auch mal für die Zuschauer*innen möglich gewesen wäre, die Restspielzeit zu sehen. Zwar gab es 2 Anzeigetafeln, die jedoch so hinter der Bande standen, dass für sämtliche Besucher*innen nur der obere Teil mit dem Ergebnis zu sehen war. Ob darunter tatsächlich die Spielzeit mitlief, weiß ich nicht. Die einen sagen so, die anderen sagen so.

Vor den beiden genannten entscheidenden Spielen gab es noch ein "Promi-Spiel" mit Inka Grings, Ingo Anderbrügge & Co., welches offenbar ebenfalls dafür sorgen sollte, dass mehr Leute kommen und auf diese Sportart aufmerksam werden. Dabei hielten sich immer zwei Spieler*innen mit Dunkelbrillen aneinander fest und bildeten letztendlich einen großen Knubbel, in dessen Mitte der Ball lag. Irgendwann hatte der mitlaufende "Stadionsprecher" Erbarmen, unterbrach das Geschehen und bat zur Entscheidungsfindung zum Strafstroßschießen. Das war leider alles sehr langweilig und ich hatte nicht den Eindruck, dass es auf den zu diesem Zeitpunkt sehr leeren Rängen überhaupt irgendwen interessiert hat. 

2promis

Wir waren froh, als es endlich mit der wichtigen vorletzten Begegnung losging. Für einen wirklichen Showdown wäre es natürlich besser gewesen, wenn zunächst unser Spiel stattgefunden hätte. Denn unabhängig von unserem Ausgang, wäre es im dann letzten Spiel (dann Marburg vs. Stuttgart) noch um den Titel gegangen. So jedoch war es am Ende so, dass durch den Marburger Sieg im letzten Saisonspiel (FCSP vs. BVB) "nur" noch die Vizemeisterschaft ermittelt wurde.

Was uns dann erwartete ist leider überhaupt nicht das, was ich unter einem würdigen Rahmen verstehe. Selbst bei Auszeiten ertönten auf einmal ein paar Sekunden nervige Ballermusik aus den Boxen, für die ich die Schinkenstraße auf Malle für besser geeignet halte. Ständig wurde das Publikum animiert nochmal so richtig laut für X und Y zu applaudieren. Ich finde das ja noch ok, wenn es heißt "begrüßt jetzt bitte die beiden Teams..." (obwohl ich selbst das für unnötig empfinde, weil es selbstverständlich ist und wenn irgendwer anfängt, auch die allermeisten mitmachen). Aber dieses immer wiederkehrende, extra laute "und jetzt nochmal blablabla" hat nichts mit dem Fuß und dem Ball zu tun, in den ich mich mal verliebt habe und wozu inzwischen auch der Blindenfußball gehört. Ich bin ja auch häufig von ähnlichen Entwicklungen in den Bundesligastadien (1+2) genervt und dankbar dafür, dass das am Millerntor alles anders aussieht. Aber bitte lasst nicht auch noch den Blindenfußball zu solchen - was den Rahmen angeht - Zirkusveranstaltungen verkommen. 

Das klingt jetzt alles so fürchterlich negativ und ich weiß ja auch, dass so ein letzter Spieltag nochmal was Besonderes ist und das zum Glück nicht immer so aussieht. Grundsätzlich möchte ich aber bei allen, mir ganz persönlich negativ auffallenden Dingen festhalten, dass ich es für supergut, richtig und wichtig halte, dass diese großartigen Sportler*innen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ob dazu so ein Showevent-Rahmen notwendig ist: Keine Ahnung, mich schreckt sowas als Fußballliebhaber eher ab.

So oder so ist das, was ich hier schreibe, eh rein subjektiv. Wir sind hier kein Sportmagazin, wir sind ein digitales "Fan-Zine" in dem es eben auch zu großen Teilen um unser Empfinden und unsere Meinungen geht - siehe Disclaimer oben.

Aber eben auch nicht nur:

"Besser Marburg als Dortmund"
SF BG Blista Marburg vs. MTV Stuttgart 3:0 (3:0)

Sagte bereits irgendwer, bevor der Anpfiff ertönte. Trotzdem lag unsere Hoffnung natürlich darin, dass der Rekordmeister MTV überraschen und dem Tabellenführer zumindest ein Remis abringen kann. Aber Pustekuchen. Ob die Stuttgarter*innen zu übermotiviert, die Marburger*innen anders nicht zu bremsen oder der MTV teils einfach zu ungeschickt agierte: Viel zu schnell standen 4 Teamfouls auf dem Zettel, so dass das nächste zwangsläufig zu einem 8-Meter-Strafstoß führen sollte. Und so war es dann auch: Sowohl das 1:0, als auch das 2:0 fielen vom Punkt und spätestens mit dem 3:0 war klar, dass die Blista als neuer Meister mit dem bisherigen Rekordmeister Stuttgart gleichziehen sollte. Herzlichen Glückwunsch und Applaus auch von uns!

Gegen 15:15 Uhr, während das Spiel kurz vor dem Ende stand, verabschiedete sich tatsächlich K. von uns, um noch irgendwie mit dem Zug über Gelsenkirchen pünktlich am Millerntor anzukommen. Die Ruhe möchte ich auch mal haben. Um die Uhrzeit wäre ich längst - hätte ich denn das Spiel gegen Wolfsburg heute vorziehen können - im Stadion-Umlauf scharrend auf und abgelaufen.

Wir sind Vizemeister*in!
FC St. Pauli vs. BV Borussia Dortmund 6:1 (1:1)

Wer geglaubt hätte, wir lassen jetzt die Köpfe hängen, hat sich geschnitten. Bereits das traumhafte Freistoßtor zum 1:0 - Natan Werner zimmerte die Kugel locker flockig in den Torgiebel - ließ uns und das Stadion ohne jede Animationshilfe aufjubeln. Der Ex-St.Paulianer Jonathan Tönsing wollte sich mit der drohenden Niederlage allerdings nicht abfinden und erzielte 1 Sekunde vor Ablauf der effektiven Spielzeit in Hälfte 1 den Ausgleich.

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Zu diesem Zeitpunkt war unser Goalgetter Natan bereits verletzt draußen und wir befürchteten, dass das bereits das vorzeitige Saisonende für ihn bedeuten sollte. Umso schöner, ihn in der 2. Halbzeit wieder auf dem Feld zu sehen, wo zunächst - ca. 20 Sekunden nach Wiederanpfiff - Rasmus Narjes unsere Farben erneut in Führung brachte. Natan setzte noch einen Doppelpack drauf, Rasmus erhöhte auf 5:1 und Paul "Paulinho" Ruge sorgte für den Schlusspunkt. So war der riesige Jubel über die Vizemeisteraschaft auf dem Feld (der unter anderem mit einer beeindruckenden Raupe - Urgestein Michael "Mike" Löffler voran - gefeiert wurde) fast schon ein bisschen überraschend, aber dafür umso schöner.

6raupe

Mit einer Tordifferenz von +50 (!) in 9 Spielen (56:6) lagen wir am Ende sogar um 16 Tore vor den Marburger*innen. Hilft nur leider nix, wenn ein einziges Pünktchen fehlt:

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Rotzalledem ist auch die Vizemeisterschaft natürlich ein Erfolg, zu dem wir recht herzlich gratulieren!

So gab es am Ende doch noch lachende Gesichter überall - außer vielleicht in Dortmund.

7applaus

Unser Dank gilt dem gesamten FCSP-Team samt Stuff, das uns auch in dieser Saison einmal mehr tolle Augenblicke und Stunden bereitet hat. Danke auch - bei aller subjektiven Kritik - an die Veranstalter*innen ohne die das alles nicht möglich wäre. Wir können nur dazu aufrufen, diesen ebenso fantastischen wie sympathischen Sportler*innen mehr Aufmerksamheit zu schenken. Vielleicht nicht zwigend erstmalig an einem letzten Bundesligaspieltag wie heute, aber vielleicht schon in 2 Wochen beim Blindenfußball-Masters am Borgweg in Hamburg

8tvteam

Die weiteren Ergebnisse des letzten Spieltages:

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Credits:

Blindenfußball Bundesliga
FCSP Blindenfußball
Blindenfußball-Sonderausstellung im FCSP-Museum bis Ende November (sehr empfehltenswert!!)

5torschuss

9abklatschen