Sonntag, 03.10.2026, Freundschaftsspiel, Jahnstadion, Marl-Hüls

Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den vorgeschobenen Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich und geht häufig über den Spieltag hinaus. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.


Auf Groundhoppers Spuren - Vorgeplänkel

Groundhopping: Kann ich nix mit anfangen. Spiele zu besuchen, ohne dass mein Herz so ein bissi mehr für die eine Seite pocht (oder wahlweise für eine Seite im negativen), bringt mir nix. Wenn ich beispielsweise mal in England bin und dort Bock auf ein Fußballspiel verspüre, WEIL ich in England bin, studiere ich erstmal sämtliche Infos über die Teams, um zu schauen, ob meine Sympathien - meistens angesichts politischer Themen - nicht doch eindeutig zu vergeben sind.

Heute ist das gar nicht der Fall. Ich habe mich schlichtweg von GAS- & FCSG-Jens überreden lassen, diesem voll wichtigen Freundschaftsspiel beizuwohnen und Fotos von verrosteten Wellenbrechern zu machen. Den Hintergrund lese ich erst kurz vorher nach - und der reizt mich dann doch sehr:

Der PSV Braunschweig sucht bundesweit nach "alterwürdigen" (ha!), längst verlassenen Grounds ("Lost Grounds") um dort Freundschaftsspiele abzuhalten, die diese Spezies Groundhopper*in hinter jedem Ofen hervorlocken. So gab es unter anderem Spiele in UK und im Auslaufbereich der alten Skisprungchance in Garmisch-Patenkirchen. Und so wurden auch hier und heute (aka morgen) für ein Freundschaftsspiel im Jahnstadion zwischen einem A- und einem B-Kreisligisten im Vorverkauf rund 1.000 Eintrittskarten vertickt. Alte*r... 

Versteht mich nicht falsch: Ich finde dieses Groundgehoppe schon irgendwie cool, aber es ist halt (leider) nix für mich. Lost Places - wie der hier - faszinieren mich total und auch alte Stadien finde ich ziemlich cool. Geht es allerdings nur ums Letztere, reicht es mir dann aber auch, mal kurz übern Zaun zu gucken. Geht es ums Erstere würde ich am liebsten die ganze Zeit hin und her schwirren und mir jeden Zentimeter der einst bewohnten/genutzten Stellen genau anschauen. Vermutlich HSP-bedingt immer mit einer gehörigen - leider oft auch lähmenden -  Portion Schiss, dass jeden Moment ein Tier, ein Geist oder sonstwas um die Ecke kommt.

Jens kommt dafür übrigens aus dem allertiefsten Bayern, fährt irgendwann los, wenn selbst ich noch im Bett liege (wenn auch längst nicht mehr schlafe, also vor 5 Uhr) und nach dem Spiel wieder nach Hause. Eieieieiei. 

Dabei fällt mir gerade ein: Ein Merkmal vieler hochsensibler Menschen (wer hier nicht regelmäßig liest: z.B. ich) ist es, dass Erschöpfungen auf Grund von Überreizungen oft erst deutlich später bemerkt werden, häufig am Folgetag. Ich stelle zunehmend fest, dass sich dieser verspätete Effekt bei mir auch auf andere Reize übertragen lässt. Spektakulärerweise häufig nach Nachrichtenaustausch mit Jens. So setzt bei mir 3 Stunden nach unserem letzten Chat plötzlich ein unerbittlicher Ring Of Fire-Ohrwurm ein, den ganz eindeutig er zu verantworten hat. Und der switcht auch noch ständig zwischen dem Original und dem Social Distortion-Cover. Das aber nur am Rande, jenseits jeder ernst zu nehmenden wissenschaftlicher These.

Ja. Dann halt morgen mal nach Marl. Je mehr ich darüber nachdenke: Ich glaube, ich hab da sogar schon mal selber gespielt. Irgendein Freundschaftsspiel vor 35 Jahren oder so. Nicht kreischen, vielleicht irre ich mich auch. Es kann auch im Fürstenbergstadion beim STV Horst-Emscher gewesen sein. Oder weder noch, ich werd doch auch nicht jünger.

Früher jedenfalls, da hat der TSV mal ganz weit oben gespielt, dann ging es ganz weit nach unten. Soviel zur Historie. Könnt ihr NOCH detaillierter beim Millernton bei Wiki nachlesen.

Ach Herrje (sic)! Ich höre gerade: Angeblich spielt morgen auch noch eine Bergmannskapelle und ich muss direkt an diese fürchterlichen lokalpatriotischen Inszenierungen in dieser (einst) neumodischen Eventhalle in Gelsenkichen denken. Da überkommt mich direkt wieder diese gefürchtete Gänsehaut des Fremdschams und - Folgegedanke um drei Ecken - Angst vor einer zukünftigen ZSK-Hymne beim FC St. Pauli. Alle meine Freund*innen und Bekanntschaften aus  Punkrockzusammenhängen werden mich jämmerlich auslachen, wenn es tatsächlich so weit kommen sollte.

Ja, mensch, ich verliere mich in noch mehr Themenfremde äh... Themen, als ich es eh schon immer tue. Also, Bergmannskapelle: Könnte in dem Kontext auch ganz witzig werden. Vielleicht aber auch nicht. We will see. Gute Nacht fürs Erste.

Matchday

HSP again: Ich bin ewig nicht mehr so eine lange Strecke (also mehr als 10km) mit dem Nahverkehr unterwegs gewesen. Früher hab ich das, meistens zur Konzertanreise und mit Alkohol betäubt, tatsächlich gerne gemacht. Heute sind das Herausforderungen, die ich am besten alleine bewerkstellige. Wenn die ganzen Reize auf mich einprasseln kann ich nur schwer auch noch Freund*innen oder bekannte Personen um mich haben, weil jede Konversation ein Reiz ist, der das randvolle Fass zum überlaufen bringen kann. Für nicht Betroffene vermutlich so gar nicht nachvollziehbar.

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Umso mehr freue ich mich, dass beide Bahnen so leer sind und bis auf ein plärrendes Kind - das dann aber doch arg an den Nerven zieht - Ruhe im Karton aka Abteil ist. Weniger freue ich mich darüber, dass ich direkt nach der Abfahrt meinen Urindrang zur Kenntnis nehme und feststellen muss, dass die einzige Örtlichkeit im Regionalexpress bereits randvoll und absolut unbrauchbar ist. Einzelheiten erspare ich Euch.

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Alles ist pünktlich und ich überpünktlich in Marl. In Essen-Dellwig-Ost hätte eigentlich Jens auf die letzten Meter zusteigen sollen, verspätet sich aber und reist von Oberhausen mit Bus, Elektrokutsche und Handhebeldraisine weiter.

Ich nutze die Zeit, um mir das nahezu malerische Örtchen, dessen City aus einem Einkaufszentrum und einem künstlich angelegten See besteht, an. Mit dem Bus fahre ich zum Cigcöfte-Laden, die - abseits von Pommes - offenbar einzige vegane Option in dieser Stadt. Leider hat genau der Laden heute geschlossen und verdient sich damit möglicherweise ein Alleinstellungsmerkmal. Also zurück zum Bahnhof gelatscht, vorbei am Gemüsedönerladen, wo der Gemüsedöner aus primär Dönerfleisch und etwas Gemüse besteht und bla. Kurz später springt Jens von seiner Dreiaine und wir erklimmen zusammen mit GAS-G., der hier auch schon seit Stunden wartet, sowie vielen anderen Groundhoppis, den Bus, in dem ich heute schon einmal saß.

003Denkmal vor dem Arbeitsamt: Zeitgenössische Kunst.

Für die Tageskartengäst*innen (z.B. ich!) wurde ein Tisch mit 2 Stühlen aufgebaut: Ticket 10 Ocken, klingt erstmal für ein Freundschaftsspiel zweier Kreisligisten witzig, ist aber - führt mensch sich den ganzen logistischen Aufwand vor Augen - absolut angemessen. Ein paar Meter weiter stehen weitere Tisch für die, die Karten reserviert haben, jeweils nach Nachnamen geordnet, also z.B. Y bis T. Zum Glück hat Jens so einen spektakulären Nachnamen, dass "sein" Tisch der einzige ist, wo es keine Schlange gibt. Dass es Hardtickets für alle gibt, ist ja logisch.

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Endlich drin (mein "über den Zaun gucken"-Ersatz) ist das natürlich ein krass geiler Anblick: Die alte Haupttribüne, angelehnt an große Brückenbauten, die zugewachsenen Kurven und die (aus Sicherheitsgründen) einzige geöffnete Option Gegengerade (mit kleinen blauen Bänken zwischendrin, warum auch immer), begeistern sofort.

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Für Stickerfreudige Besucher*innen gibt es zwei kleine Metallbleche, die an die Wellenbrecher geschraubt wurden, damit sonst nix vollgekleistert wird. Der Rasen ist gemäht, was - mangels Rasens - nicht an allen Stellen möglich war, da hier anstatt Fußball wohl  irgendwann der Baseball Einzug gehalten hat.

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Es sind tatsächlich 21 Grad im Schatten oder mehr, wir ergattern aber nur ein Sonnenplätzchen. Geil, den ganzen Sommer vor Helios weggerannt, hole ich mir sicher am heutigen Oktobertag doch noch einen Sonnenbrand.

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Es gibt Merch, es gibt Getränke und es gibt - juchuuu - tatsächlich vegane Bratvurst, alles zu fairen Preisen, die mich aber trotzdem komplett verwirren. 1 Bier 3 Coins (a 1 Euro), 2 Bier 5 Coins, 3 Bier also wieder 8 Coins und Becherpfand 2 Coins. Für diese stehen wir in eine nicht enden wollende Schlage, bis wir endlich dran sind und feststellen, dass die Becherpfandcoins eine andere Farbe haben, als die Verzehrcoins. Ich spare es mir, den Sinn dahinter zu erfragen und lasse mich ausführlich beraten. Die Person hinter der Kasse übernimmt das Rechnen für mich: eine Getränkerunde plus Pfand dafür und 1 Vurst und als sie 14 Euro sagt, sage ich, dann mach lieber glatt und gib mir vorsichtshalber einen mehr, dann sagt sie ok, 18 Euro, ich sage "ach scheiße, ich hatte 14 Euro verstanden, dann äh... mach glatt und gib vorsichtshalber für 20 Euro". 

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Dann stehe ich da mit einem Rucksack voller Coins und weil wir uns ja so gut abgesprochen haben, haben wir jetzt alle Pfandcoins für alle, was spätestens jetzt betrachtet, nicht die sinnvollste Kaufentscheidung war. Zum Glück ist aber der Getränkestand noch leer, während sich die Schlange noch im Laufe der ersten Halbzeit bis durch den Notausgang hindurch verlagert. Dafür kann ich mir dank des mehrmaligen Aufrundens noch eine Zweitvurst gönnen.

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Diese ist tatsächlich schmackhaft und hat den zusätzlichen Vorteil, dass sie nicht rostbraun werden muss, so dass ich sie auch "halbroh" bestellen kann, solange es noch keine durchgebrannten gibt. Auch toll sind die (ich glaube) Aufwärmtrikots der (ich glaube) Braunschweiger*innen, die stark an die alten bunten Faber-Bochum-Trikots erinnern. 

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An einem Baum hängen Fotos der 10 Grounds, wo der Polizei SV Braunschweig, der - zum Glück - so viel mit der Polizei zu tun hat, wie unsere Katze (abgesehen von dieser auffällig stabilen Anzahl von 1312 Follower bei Insta) - überall seine Lost Ground-Spiele bestritten hat. Heute ist wohl das letzte Spiel forever (hoffen wir mal, dass nicht) und wer mag, kann mit Klebepunkten zur Statistik beitragen, wie oft die Besucher*innen jeweils dabei waren.

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Das Steigerlied kommt dann doch "nur" vom Band, in einer mir bis dato unbekannten Version. Darüber hinaus gibt es zum Glück nichts von diesem lokalpatriotischen Zeug, dafür ein paar Redebeiträge, die die Historie des Grounds etc. beleuchten. Leider kriege ich das akustisch nicht so gut mit, aber es ist - zusammengefasst - hier alles schon sehr geil. Und dass bei all den Herausforderungen die Schlangen an den Ständen so lang sind, lässt sich nun mal auch nicht immer vermeiden. Die Voraussetzungen sind nun mal so wie sie sind und die Verantwortlich hier haben daraus das Bestmögliche gemacht. Danke dafür!

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TV-Teams sind auch zugegen. Wenn ich alles richtig verstanden habe, soll es eine Doku über die Lost Ground-Serie des PSV geben. TV-Tipp vorab (wo auch immer das laufen mag)! Da könnte mensch sich das Verpixeln hier glatt sparen, aber die Prinzipien, Ihr wisst schon.

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Dann laufen die Teams endlich ein und es ist Kreisliga pur. Optisch - vielleicht auch tatsächlich - sind die beiden Schiri-Assis an den Linien die Enkel des Hauptschiedsrichters. Die Mittelline, so scheint mir (ist aber vielleicht auch nur eine Sinnestäuschung), ist nicht wirlkich mittig, sondern ca. 20 Meter weiter links. Also entgegengesetzt zur gesellschaftlichen Realität. Der "Enkel" an der Linie vor uns offenbar noch nicht so weit geschult, dass er sich auf Höhe des vorletzten Verteidigers befindet. All das trägt zusätzlich zu diesem großartigen Charme dieser Veranstaltung bei.

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In der Halbzeit verabschiede ich mich beim Spielstand von 1:0 (oder 2:0?) für Marl, dank meines großen Talents, Sicherheitspuffer bis zur Abfahrt des Zuges völlig realitätsfern zu berechnen. Am Ende bin ich nach einem halbstündigen Fußmarsch 45 Minuten zu früh zurück in Marl-Mitte. Und das, trotzdem ich mir noch - obwohl ursprünglich gar nicht geplant - die Haupttribüne über das öffentlich zugängliche kleine Waldstück mit Spazierwegen anschaue. 

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Noch lange bevor mein Zug abfährt, steht auf einmal Jens wieder neben mir, der bis zur 70. Minute ausgeharrt hat, aber dennoch pünktlich genug hier ist, um zusammen mit mir 20 Minuten auf die leicht verspätete S-Bahn zu warten. Inzwischen komplett verwirrt, wie er dank diverser Bahnverspätungen und sowieso jeweils 30 Umstiegen zurück ins tiefste Bayern kommt, springt er einfach in Bottrop aus der Bahn. Ob er jemals zu Hause angekommen ist, ist zum Zeitpunkt dieser Berichterstattung noch nicht überliefert.

Bei mir geht alles überraschend flott. Die restlichen Kilometer lege ich in meinem Wohnkaff zwangsläufig mit einem E-Roller zurück. Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Kapazitäten-Auffüllung, sprich Regeneration.

Ja, cool war's. Ich muss aber trotzdem sagen, dass selbst so eine tolle Veranstaltung mich jetzt nicht zum Groundhopper werden lässt. Mir hätte es gereicht, mir das 30 Minuten alles anzuschauen, 15 Minuten vom Spiel und dann noch die Runde ums Stadion zu drehen. Und das eben auch nur, weil es so ein verdammt cooler Lost Ground ist. Aber von Dorf zu Dorf zu tingeln, um meine digitale Strichliste um +1 zu erweitern, da sammel ich lieber weiterhin Briefmarken (glaubt nicht alles, was hier steht!). Auch wenn ich vielleicht gerne würde. Gute Nacht!

Credits:

Kicker-Bericht über die Lost Ground-Serie
Ach guck ma, TV-Doku-Termin steht offenbar auch schon fest: NDR.

Eine Bürger*inneninitiative zum Erhalt des Stadions und des Waldes gibt es bereits seit einigen Jahren und ist immer noch aktiv, wie wir vor Ort sehen durften. Zumindest die Haupttriübe steht wohl immerhin inzwischen unter Denkmalschutz. Die Bebauung des Geländes sei aber noch nicht vom Tisch und es wird weiter dagegen gekämpft. Daumen sind gedrückt!

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