Ein Kommentar zur Lage der Nation, den Vorkommnissen beim Pokalspiel, der FCSP-Stadionumfrage, dem Herz von St. Pauli und wie das irgendwie alles zusammenhängt.
Nach dem Spiel in Essen gab es im dortigen Haupttribünenbereich einen üblen verbalen und gestikreich untermauerten sexuellen Übergriff von RWE-Fans auf eine FCSP-Mitarbeiterin (der auch wir an dieser Stelle unsere vollste Solidarität aussprechen). Aus unserem Nebenblock wurde mit erhobenem Arm "gegrüßt". Unser Weg in den Block wurde mit (wenn auch nicht gerade gut klebenden) Antiantifa-Sticker mit RWE-Bezug zugepflastert. Bei der RWE-Choreo und den extra gefertigten Westtribüne-T-Shirts wurde Wert auf gut sichtbare schwarz-rot-goldene Applikationen gelegt. Weiß der Henker, was sonst noch so in Essen abging. Das war sicher nicht alles.
In Cottbus erwartet uns der nächste braune Mob (aufgrund des angesetzten Risikospiels erhebt Cottbus übrigens einen Sicherheitszuschlag von zwei Euro pro Ticket! Wir zahlen 2 Euro, weil Nazis uns aufs Maul hauen wollen. Das lasst Euch mal im Hirn zergehen). Wir sind den Hass auf uns gewohnt, doch die (gesamtgesellschaftliche) Lage ist in den letzten Jahren und Monaten immer bedrohlicher geworden.
Bald ist Wahl in Sachen-Anhalt und es ist gut möglich, dass fortan erstmalig seit dem Sturz der NS-Diktatur wieder Nazis regieren werden. "Erstmal nur" in einem Bundesland, aber der Trend ist offensichtlich, zumal auch die sogenannten Christdemokrat*innen in vielen Punkten der AfD in nichts nachstehen. Es sind beschissene Zeiten und die Angst, dass es noch beschissener wird, ist nicht unbegründet.
Der von mir sehr geschätzte Patrick Gensing wird angesichts des sexuellen Übergriffs in Essen in der Mopo wie folgt zitiert:
„Wir werden daraus auch intern Konsequenzen ziehen und Maßnahmen ergreifen, um uns besser gegen übergriffiges Verhalten zu schützen und uns gegenseitig noch stärker zu unterstützen."
Als ich das gelesen habe, hatte ich Gänsehaut. In diesem einen Satz steckt alles drin, was mir derzeit so durch die Kopf schießt: Zusammenhalt! Wir müssen noch enger zusammenstehen gegen diese ganzen scheiß diskriminierenden Arschlöcher. Gegen die Nazis, gegen die Sexisten, gegen die Queerfeind*innen, gegen die Antisemit*innen und gegen die Rassist*innen. Wir müssen aufeinander aufpassen, wir müssen füreinander einstehen, wir müssen uns gegenseitig stützen und wir müssen uns wehren.
Parallel dazu veröffentlicht unser Verein die Ergebnisse der Stadionumfrage. Rund 10.000 Personen haben sich daran beteiligt. Vieles ist ebenso erwartbar, wie - im Gesamtkontext - fast schon belanglos: Eingangssituationen, Getränkepreise, pipapo.
Mehr Interesse weckt bei mir das Thema "diskriminierendes Verhalten". Wenn ich die Balkenlänge richtig erkenne, haben rund 28% schon mal sexitisches Verhalten gegenüber FLINTA*-Personen am Millerntor wahrgenommen. Diese Angaben passen zwar nicht zur übernächsten Grafik, in der die Unterschiede zwischen "männlich" (4,7%) und "weiblich" (14,7%) dargestellt werden, aber es wird dennoch die mangelnde Sensibilisierung von insbesondere männlichen Personen deutlich. Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass bei jedem Spiel diskriminierendes Verhalten von FLINTA*-Personen irgendwo im Stadion stattfindet.
An dieser Stelle dürfen sich die Umfrage-Verantwortlichen gerne einen Schuh anziehen (ohne Zeige- und Mittelfinger, denn wir wissen ja um die mangelnde Sensibilisierung und die Notwendigkeit von Anstößen, um etwas zu ändern): Alleine schon die Darstellung der beiden Kategorien "weiblich" und "männlich" ist Personen gegenüber, die sich nicht in diesem binären Geschlechtersystem wiederfinden, ausgrenzend. Wenn schon Umfragen mit dem Punkt Diskriminierung gegenüber FLINTA*-Personen (aber auch bei anderen) durchgeführt werden, dürft Ihr bei der Auswertung gerne auch alle Menschen berücksichtigen, die darunter fallen. (Mir war wichtig, dass - wenn ich schon die Umfrage hier thematisiere - ich dieses Thema nicht komplett unter den Tisch fallen lasse.)
Endgültig den Kaffee auf habe ich beim Thema Stadionhymne: Fast 19% der Befragten sprechen sich für eine Rückkehr zum Herz von St. Pauli aus! Klar: So Umfragen sind nicht repräsentativ und werden gerne von angepissten Leuten genutzt, damit sie nochmal ihren Frust rauslassen können. Es ist nicht auszuschließen, dass sich gerade die Personen, die das No Go dieses Liedes im Stadion immer noch nicht akzeptieren wollen, besonders motiviert gefühlt haben, an der Umfrage teilzunehmen. Und der Verein hat auch recht, wenn er sagt, dass rund 81% der Teilnehmenden sich nicht für eine Rückkehr zum HvSP ausgesprochen haben. Das ist aber alles kein Grund das Ergebnis kleinzureden:
Während um uns herum immer mehr Nazis aus ihren Löchern kommen, wir (vielleicht sogar aktuell verstärkt) immer wieder Zielscheibe von Rechten sind, wir eigentlich noch näher zusammenrücken sollten (siehe Patrick), wünschen sich tatsächlich noch immer eine nicht unbeachtliche Zahl von FCSP-Fans ein Lied, dessen Text aus der Feder einer Person mit gut recherchierter NS-Vergangenheit stammt, zurück. Was geht in deren Köpfen eigentlich ab? Wie ignorant kann mensch sein?
Selten war mehr klare Kante gefragt, als es die aktuelle Lage derzeit fordert. Mal ganz abgesehen davon, dass das selbst bei 51+X% Zuspruch niemals wieder im Stadion gespielt werden würde (was soll das bringen, wenn ein Teil mitsingt und ein anderer Teil währenddessen pfeift oder gar "Nazis raus!" skandiert?), ist das wirklich ein Schlag in die Fresse der sich gegen Faschismus engagierenden Fans. Da muss mir auch niemand mit "Werk von Künstler" und so einem Mist kommen. Das ist das Gegenteil von klare Kante. Das ist das Gegenteil von dem, was es braucht. (Nein, natürlich ändert sich dadurch, dass das Lied nicht mehr gespielt wird, an der gesamtgesellschaftlichen Lage nichts. Aber das Ergebnis ist sinnbildlich für manch Ignoranz nicht unerheblicher Teile der Stadionbesucher*innen.)
Auf der anderen Seite ist das aber auch nicht soo verwunderlich. Die Stadionmasse war schon immer heterogen und es wäre verlogen zu behaupten, dass der Anteil der Personen im Stadion, die die vom Verein propagierten Werte in aller Konsequenz lebt und sich entsprechend verhält, nahe 99% liegt.
Ich diskutiere mit solchen Leuten schon lange nicht mehr. Es ist schon lange alles gesagt. Es liegt schon lange alles auf dem Tisch. Es ist Verschwendung von Energie, die ich dringend woanders benötige.
Trotzdem: Es kotzt einfach nur noch an, was in Teilen des Stadions so passiert. Die Übergriffe bei der GG-Choreo zum feministischen Kampftag (Insta-Link), eine mehr als fragwürdige Prioritätensetzung von viel zu vielen Personen beim Thema DHvSP, aber auch die Ignoranz bei manch anderen Themen. Es ist zermürbend und ermüdend! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einschlafen.
Auf der anderen Seite ist es schön zu sehen, wie groß der Teil der stabilen Personen rund um den FCSP ist. Es ist schön zu lesen, wenn ein Vereinsoffizieller solche Sätze raushaut. Es ist schön so viele Menschen zu kennen, die für unsere Werte gemeinsam einstehen. Danke dafür! Darauf lässt sich bauen. Wenn der stabile Teil zusammensteht, ist mir trotz allem nicht bange.
Gute Nacht!














