Freitag 14.03.25, 20:30 Uhr, 26. Spieltag, 1. Bundesliga (M), Millerntor
Intro: Noch 5 Tage bis zum Spiel
Ok, Gegengerade: ich geb dir noch ne Chance. Die glückliche Fügung heißt: G2, vorletzte Sitzreihe und somit Stehoption mit Sitzschale. Wir hätten dieses Mal überall im Stadion unterkommen können (außer Süd), haben uns aber für diesen Platz entschieden. Aus gutem Grund: Denn nur auf der Gegengerade gibt es Pommes. Jetzt könnte mensch mir eine mangelhafte Prioritätensetzung vorwerfen. Doch bevor hier ein nicht vorhandener Shitstorm über mich hinein bricht, möchte ich Klarheit schaffen. Folgendes ist Fakt (!):
1. Der FC St. Pauli ist wichtiger als Pommes.
2. Pommes sind wichtiger als Deutschland.
Zugegeben - fällt mir auch gerade auf - resultiert daraus jetzt auch nicht zwangsläufig, dass unsere G2-Vorletzte-Reihe-Plätze alle anderen Optionen ausstechen. Aber!
Intro: Noch 3 Tage bis zum Spiel
Scheiße! S. liegt mit fetten Symptomen richtig flach. Immerhin ist der Coronatest negativ, aber der Doc bestätigt: Es ist vermutlich die klassische Grippe.
Wie so oft scheint es jedoch so, dass der Kelch immerhin an mir vorüber geht. Meistens erwischt es mich ja eh nicht sooo dolle und ich sehe es überhaupt nicht ein, diesen historischen Sieg (äh... genau: wir haben zuvor noch nie an einem Freitag-Abend gegen Hoffenheim gewonnen) zu verpassen. Und alleine schon wegen der Nachbar*innen wäre es nicht gut zu Hause zu bleiben, denn als Schiedsrichter wurde Felix Brych einberufen. Das gäbe doch eh wieder Ärger wegen Ruhestörung. Also prophylaktisch rein mit den Medikamenten und ab dafür (für die Jüngeren unter Euch: "ab dafür" bedeutet nichts anderes als "hey ho, let's go", haha, verdammt, wieder verkackt...).
Dann kommt der Spieltag:
Egokram aka persönliche Befindlichkeiten
Ja, ich find's cool auf G2 und das war auch schon vorher so, allen Introlabereien zum Trotz. Und tatsächlich entpuppen sich die Karten als best places ever mit netten Leuten ringsrum. Nochmal herzlichen Dank dafür!
S. wird tatsächlich nicht mehr rechtzeitig gesund und die für sie vorgesehene Karte bekommt spontan K., mit dem ich vor ca. 25 (?) Jahren bereits, er damals auch noch als Millerntorist in NRW wohnend, zu FCSP-Spielen gereist bin und der sich daher nicht dem heutigen Bezugsgruppenausfall auf den Stehern aussetzen muss. Ist doch auch cool.
Die Anreise verläuft dank Millernton- und Und-dann-kam-Punk-Podcast (Folge mit Ole Plogstedt) kurzweilig. Im Anschluss betrete ich auf Grund meines heutigen Pennplatzes zum ersten Mal seit ca. 2008 (damals zu einem Labelband-Konzert) Hamburg-Harburg. Und was soll ich sagen? Schön hier:
Ansonsten ist alles wie gewohnt, nur anders. Wie immer stehe ich 4-5 Stunden vor dem Spiel irgendwo im Viertel rum, dieses Mal an der Schanzendöner-Theke, als hinter mir eine Stimme ertönt: "Sie bekommen hier nichts zu essen!" Wie immer ist es G.A.S.-J., der mir quasi an Spieltagen immer zufällig als erster über den Weg läuft. Aber vermutlich ist das gar nicht zufällig und er ist schlichtweg auch nur ein Meister im Rumlungern.
Zusammen geht 's ins Vereinsheim zwecks obligatorischer Kaffeedröhnung und wie immer treffe ich im Laufe des Tages Menschen, die ich ewig nicht gesehen habe (hallo J.!) und lerne welche kennen (hallo M., O. und S.), bei denen es schon längst überfällig war. Da kannste so viele Jahre zu den Spielen reisen, home & away, und dennoch kommen diese Situationen ständig vor. Erstaunlich. Soviel zu meinem persönlichen Egokram.
Rund ums Spiel:
Freitagabend! Flutlicht!! Millerntor!!! Hoffenheim.
Größter Fehler des Spieltages: Viel zu früh (und ausnahmsweise mal nicht selbst verursacht) stellen wir uns an die noch eiskalte Budapester und warten auf den Teambus, um seinen Insassen den lautstarken und bunten Empfang zu bereiten, der den Auftakt zum Endspurt um den Klassenerhalt darstellen soll. Der eigentliche Fehler (und somit dann doch selbst verursacht): Mein Sixpack Peroni 0.0/alkfrei tut sein übriges und ich schaffe es nicht mehr innezuhalten und muss schleunigst das stark frequentierte WC aufsuchen. Natürlich genauso so, dass ich quasi alles verpasse. Aus der Ferne sehe ich noch die gigantische Pyroshow am Himmel, spare mir aber, mich nochmal zurück zu kämpfen (hier Serdi's Video davon). Eine Atmosphäre und Stimmung, die sich (auf der Süd eh, aber meiner Wahrnehmung nach auch Tribünenübergreifend und tatsächlich auch teils ganz stark auf der Gegengerade) durch das ganze Spiel durchzieht und mit erneuter Pyro nach erfolgreicher Spielgestaltung (das muss mensch auch erstmal können: diese fantastische Stimmung, Euphorie und diesen Glanz mit diesem dermaßen abtörnenden, nach Bürokratie riechenden Wort abzuschließen) auf dem Süd-Zaun gebührend verabschiedet wird. Für heute. Aber der Reihe nach:
Kennt ihr dieses Gefühl? Ihr habt im Leben einen gravierenden Fehler gemacht und denkt Euch: "Das passiert mir nie wieder." Und dann passiert es doch. Aus den Lehren nichts gelernt oder schlichtweg nicht die Kraft gehabt. Vielleicht auch einfach gedacht, dass es beim nächsten Mal schon nicht so schlimm wird oder warum auch immer. Umso größer ist der Ärger: Wie konnte mir das bloß noch einmal passieren?
So unglaublich das ist, aber davon gibt es noch eine Steigerung und die heißt TSG Hoffenheim, dessen Fans tatsächlich - während die Süd den Klassenkampf ausruft - eine Choreo präsentieren (mit plastik-glitzer-Teilen), auf der steht: "Hätt' ich ne zweite Chance, würd' ich sicher wieder Hoffe wählen." Alte*r! Ernsthaft? Oder ist das sowas wie das alte selbstironische (und vermisste) "Scheiß Sankt Pauli!" aus den eigenen Reihen? Vermutlich nicht.
Deutlich unterschreibungsfähiger (Word!), als das Hoffenheimer Bekenntnis:
Dann geht's endlich los und warum tobt da eigentlich die ganze Zeit Bornemann am Spielfeldrand rum? Na da unten, inner Coachingzone, guck, genau da, wo sonst Alex tobt und auch noch genauso gestikulierend. Des Rätstels Lösung: Es IST Alex, dessen Schirmmütze lediglich exakt die Farbe von Andreas' Haare hat.
Kommen wir zu wichtigerem: Ich hatte ja letztens schon die für mich manchmal fehlende Cleverness angesprochen, was - das möchte ich auch direkt hinterherschicken - im Kontext unserer bisherigen fantastischen Saisonleistung bitte nicht als großer Kritikpunkt verstanden werden soll. Aber es fällt halt auf:
Blicken wir mal auf die beiden Elfmeterszenen in den letzten zwei Spielen zurück: Der für mich "80%-Elfmeter", den wir vor 2 Wochen nicht bekommen habe und dieser - für mich - vielleicht "25%-Elfmeter", der letzte Woche gegen uns gepfiffen wurde. Zur Begründung, dass beide Entscheidungen vielleicht nicht die naheliegendsten waren, aber dennoch vertretbar (im Sinne von, dass kein VAR-Eingriff gerechtfertigt gewesen wäre, weil beide keine 100%-Fehlentscheidungen waren), wurden folgende Argumente angebracht:
Als Noah gegen den BVB zu Boden gerungen wurde, war der Ball weit entfernt und die Situation schon beträchtlich vom Spielgeschehen abgelegen. Beim Foul von Siebe in Wolfsburg war - auch wenn der Gegenspieler nicht mehr an den Ball kommen konnte - dieser schon unmittelbar davor im Ballbesitz mit Laufrichtung zu dem zu weit vorgelegten Ball. Vielleicht war es sogar so, dass Siebe's Griff zu dem unsauberen Vorlegen des Knickers beigetragen hat. Muss ich nicht zwingend teilen, kann das aber als Begründung, dass das keine 100%ige Fehlentscheidung war, nachvollziehen. Die Intensität des Fouls auf der einen Seite (dieser Aspekt spricht in beiden Situationen für uns), die Nähe zum Spielgeschehen auf der anderen Seite (dieser spricht in beiden Situationen für den Gegner).
Und dann jetzt diese Szene: Der Ball fliegt wenige Meter vor der Torlinie in Richtung Siebe, dieser wird mit beiden Armen umklammert, während Siebe noch versucht per Flugkopfball den Knicker über die Linie zu drücken. Von der Intensität her ist dieser Klammergriff durchaus mit dem gegen Noah zu vergleichen und er hat auch beim Ballkontakt noch Bestand, so dass wir unterm Strich die unmittelbare Spielsituation haben (sogar nix mit "zu weit vorgelegt" als relativierenden Aspekt, sondern der Ball ist exakt dort, wo das Foul in exakt diesem Moment stattfindet) und eben diese hohe Intensität des Foulspiels. Der Ball geht knapp am Tor vorbei und Siebe ärgert sich über die vergebene Chance.
Aber - verdammt noch mal - warum wird da nicht reklamiert? Ich finde schon, dass es das Wert gewesen wäre und wenn mal 3-4 Spieler in Richtung Schiri laufen und ihm klar machen, dass das (für mich nicht nur) ein klares Foul, in dessen Folge Siebe das Ding nicht richtig setzen konnte (sondern auch eine Notbremse) war, dann denke ich schon, dass auch ein Herr Brych dem VAR möglicherweise noch mal signalisieren würde, dass er sich das nochmal angucken möge, wenn der schon nicht selber darauf kommt. Für mich war DAS jedenfalls ein 100%iger - oder vielleicht doch nur 99%iger (?) Elfmeter (was in Hinblick auf einen VAR-Check schon wieder ein großer Unterschied ist). Und jetzt kommst Du, M. (da haste Deinen Ball!). ;)
OK, drauf geschissen, denn während Jackson den Rekord in unglücklichen Torabschlüssen weiter souverän ausbaut, trifft Philipp Treu ein Geistesblitz. Und ich bin froh und glücklich, dass wir hier von Philipp reden und nicht von einem anderen Spieler, der möglicherweise in der Situationen nicht so uneigennützig gehandelt hätte (ohne dass mir jetzt einer speziell dazu durch den Kopf geht). Schön den Gegner unter Druck gesetzt, schön Keeper Baumanns riskantes Anspiel genutzt und diesen dann auch noch brillant überlupft um letztenendlich auf Noah quer zu legen.
Von da an dauert es noch gefühlte 5 Minuten, in denen ich - wie in schlechten Werbespots - komplett mit offenem Mund erstarre: Das Tor ist komplett leer, Noah muss aus wenigen Metern nur noch einschieben und obwohl er genau das mit einmaligem Ballkontakt auch macht, kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Ball ENDLICH im Netz zappelt.
Und dann bricht alles aus uns heraus: TOR! Alte*r!! TOOOOOOR!! AAAAHHHHHHH!!!
Die Hoffenheimer sind schwächer, als ich es erwartet hatte und landen quasi keinen Schuss aufs Tor. Oder anders: Wir sind sowas von stark und derbe überlegen. Auch Fin-Olé und Leo tun uns nicht weh, wobei Leo mich bei dieser Halbschwalbe inklusiver Reklamation fast dazu gebracht hätte, von ihm enttäuscht gewesen zu sein. Dennoch werden die letzten 10 Minuten zur Zitterpartie. Vermutlich mehr gefühlter als tatsächlicher Dauerdruck, ich weiß es nicht, aber ich raufe mir mein weises Haupt, während K. sich für die Nachspielzeit den Timer stellt und mir im Fünf-Sekundentakt die Restspielzeit mitteilt. Es rauscht nochmal ein Ball durch den Strafraum, nochmal ein Hoffenheimer Abschluss, beinahe gar ein unglückliches Eigentor von Treu, aber knapp vorbei. Und dann pfeift Brych tatsächlich pünktlich am Ende der letzten der angezeigten sechs Nachspielminuten ab.
Zum jubeln fehlt mir die Kraft. Ich reiße nur noch beide Arme hoch und schüttel vor geistiger Erschöpfung erleichtert meinen herunter hängenden Kopf. Boahr, Sankt Pauli, ey!
Credits
Mehr sportliche Kompetenz gibt es wie gewohnt beim Millernton.
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