Freitag 29.08.25, 20:30 Uhr, Bundesliga (M), 2. Spieltag, Volksparkstadion
Vorgeplänkel: Die Panik vor der Panik
Erwartet bloß keinen Vorfreude-Passus. Wie gerne ich das könnte. Aber meine Neurodivergenz sorgt dafür, dass meine Anspannung komplett negativ ist. Und das gefühlt seit dem Schlusspfiff gegen Dortmund. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Im Grunde war das sogar schon VOR Dortmund der Fall:
Wir haben Derbykarten bekommen, na toll. Ich weiß, viele würden sich riesig freuen und natürlich freue ich mich auch irgendwie. Aber Jubeltänzchen kann ich deswegen nicht aufführen. Ein Blick in den Warenkorb reicht um direkt von Ängsten eingenommen zu werden. Für dieses Spiel gibt es für mich - egal wie die Kartenvergabe ausgefallen wäre - kein "hell yeah": Keine Karten wäre Scheiße. Mit Karten ist aber auch längst nicht alles cool für mich.
Mal ganz davon abgesehen, dass fast alle, mit denen ich FCSP-mäßig Kontakt habe, keinen Bock auf den Besuch des Stadions an der Müllerverbrennungsanlage haben (aber natürlich größtenteils trotzdem hingehen). Egal ob wegen An-/Abreisestress, beschissener Erfahrung beim Einlass oder was auch immer. Bei mir kommt nur leider noch diese scheiß ausgeprägte Hochsensibilität oben drauf. Ich fühle mich, bevor ich überhaupt da bin, alleine schon durch meine Gedanken komplett überreizt. Ich male mir Szenarien aus, in denen ich nach ner viertel Stunde wieder gehen muss oder erst gar nicht reingehe, weil mir das alles viel zu viel ist. Im schlimmsten Fall garniert mit mindestens einer Panikattacke und versperrten Fluchtwegen (nicht im Sinne von Türen, sondern im Sinne von Menschenmassen). Gedrängel, Emotionen, Enge und meine Augenkrankheit wird es mir sicher auch nicht danken, wenn ich mich dem Pyroqualm aussetze. Nicht, dass ich das nicht mag, aber es ist für mich nun mal alles andere als gesund. Ambivalence rules!
Warum ich trotzdem hin will? Ich hab keine Ahnung. Vermutlich will ich einfach dabei sein, falls... vielleicht will ich auch nicht schuld sein, wenn... Mehr Ambivalenz als heute geht jedenfalls nicht.
Wir versuchen den Stress-/Reizlevel für mich schon im Vorfeld so gering wie möglich zu halten. Wir nehmen eine Unterkunft 30-40 Minuten Fußweg vom Stadion entfernt und zwar schon ab Donnerstag. Mit Freund*innen obligatorisch im Feldstern treffen, ablenken lassen und am Spieltag schon mal die triggernde Öffi- oder Rollerderby-Anreise umgehen. Selbst wenn ich gerne würde, es ist ein Ding der Unmöglichkeit für mich. Dann früh da sein, direkt an den Eingang stellen und gegen die Anspannung, die durch das Warten garantiert noch verstärkt wird, ankämpfen. Auf den Boden gucken, Körperkontakt und Gespräche vermeiden, tief durchatmen. Hoffen, dass wir schnell drin sind, eventuell ein alkfreies Bier zur Beruhigung greifen (das funktioniert bei mir tatsächlich gar nicht mal so selten), hinsetzen und wieder warten. Au scheiße ey...
Das einzige was mir Hoffnung macht ist, dass es "ganz bestimmt" so wird, wie so oft: Wenn ich erstmal meinen Platz im Stadion eingenommen habe und das Spiel beginnt, dass ich dann eh von diesem komplett eingenommen werde und es gar keinen Raum mehr für Panik gibt. Dann heißt es alles zu geben, um am Ende zwar komplett überreizt und heiser, aber auch lächelnd als Derbysieger in die Koje zu fallen.
Vorgeplänkel: Die Panik
Als ich am Derbytagmorgen wach werde aufstehe ist natürlich nichts besser. Ganz im Gegenteil. Wir drehen eine Runde, vorbei am Mittelpunkt des heutigen Tages und durch den Volkspark und mir geht es so richtig scheiße. Ich bin total aufgewühlt, jetzt schon komplett überreizt, versuche tief durchzuatmen, aber der Strudel zieht mich immer weiter rein und runter. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass ich mich auf den Boden legen, einrollen und auf unbestimmte Zeit so liegen bleiben muss. Ich schwitze und kann gar nichts mehr. Ich bin fix und fertig und es ist noch nicht einmal 10 Uhr.
Hoffentlich wird das im Laufe des Tages nochmal besser, sonst muss ich meine Karte tatsächlich doch noch weitergeben.
Aber es wird, weil es muss. Offenbar brauchte es sowas wie diese körperliche und psychische Eskalation, die mir sagt: Keinen Schritt weiter, sonst brichst Du zusammen. Und so schaffe ich es irgendwie durch den Mittag zu kommen, bis wir gegen 16 Uhr den Fußweg zum Stadion antreten.
Hallo Endorphin!
Der Hinweg führt durch eine ungewöhnlich schöne Schrebergartenanlage (das Blau-weiße mal ausgeblendet), doch kaum haben wir diese passiert, sind wir in einer anderen Welt. Ab dem Stadtteilbahnhof Eidelstedt fühlen wir uns so ein bisschen wie beim Away-Spiel in Dortmund: Getränkestand an Getränkestand mit fürchterlichem Liedgut. Wäre hier noch irgendwo Sand und Meer, wäre es vom Ballermann nicht mehr zu unterscheiden. Gruselig.
So benötigen wir dank schnelleren Schrittes sogar 5 Minuten weniger zum Gäst:inneneingang und beobachten dort die Einparkkünste der Cops, die offenbar mehrfach mit der Abstellrichtung und -stelle ihrer Fahrzeuge nicht zufrieden sind. Nochmal drehen, nochmal drehen, dann doch wieder 30 Meter weiter vorne, dann doch 50 Meter in die andere Richtung. Das ist alles Spritgeld auf Kosten von uns Steuerzahler*innen!!!11!!!
Ich dachte immer, sowas sei im Kleinsten durchgeplant. Irgendwann stehen sie aber, neben den drei Wasserwerfern (Alte*r!), die unbedingt noch auf dem Gäst*inneneingang drehen müssen und mindestens 100 Cops, starr in unsere Richtung blickend. Dann kommt noch eine rein weiblich gelesene Reiter*innenstaffel vorbei und alles ist so schön vorhersehbar wie unnötig, nur damit nichts einrostet und man hinterher rumopfern kann, wie hoch doch die Kosten zur Absicherung solcher Spiele sind. Nur irgendwie scheinen die mir bei dem Wetter alle viel zu warm angezogen. Ich schwitze ja schon mit T-Shirt und kurzer Hose.
Dank dieses Animationsprogramms vergeht die Zeit bis zum Einlass einigermaßen flott. Immerhin müssen wir fast 2 Stunden warten und setzen uns irgendwann der prallen Sonne aus, um in Pole Position den ganz oben geschilderten Gefahren entgegen zu wirken. Mit Erfolg, denn mir geht es hier tasächlich einigermaßen OK. Einlass: Unproblematisch, Security freundlich ohne Griffe, wo sie nicht hingehören. Wir (!) können an dieser Stelle jedenfalls nur positives berichten.
Ab in den Block und warten. Und diese Wartezeit ist unfassbar lang. Zwar sind wir es gewohnt, so früh am Platz zu sein, aber heute zieht sich das unendlich. Zum sprechen bin ich kaum in der Lage. Zwar habe ich die meisten zur Panik geeigneten Triggerpunkte hinter mir gelassen, aber dafür kommt jetzt die komplette Nervösität hinsichtlich des Spiels durch. Die Reize bleiben natürlich enorm.
Beim Warmmachen in die gegnerische Spielhälfte laufen, damit der Gegner das, was einem eigentlich schon im Kindergarten als albern und unnötig erklärt werden sollte, durchziehen kann, war gestern. Heute geht das so: Joel Chima Fujita! Ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnlicher Mensch. Auf dem Platz und hinterher als Feierbiest. Das muss ich jetzt einfach mal so festhalten, bevor der Titel für alle Ewigkeit bei Louis van Gaal verbleibt. Während längst alle Spieler zum schnuppern auf dem Rasen waren, kommt um 19:22 Uhr auf einmal Joel Chima ganz alleine aus den Katakomben und betritt das leere, saftige Grün. Und zwar barfuß! Er geht in aller Seelenruhe zunächst die Mittellinie entlang, dann in unsere Richtung und streichelt mit seinen Füßen das Gras, über das er nachher zwangsläufig mit Buffern den Gegner zur Verzweiflung treiben wird. Schlussendlich geht er auch ganz gemächlich in Richtung HSV-Kurve, bis in den Strafraum hinein, was diese natürlich nicht ganz so pralle findet. Meine Fresse, da checkt ein Spieler den Rasen, buuuh, pfui Deibel, scheiß Sankt Pauli, määääh!
Danach steht die Zeit wieder still. Es ist 20:01 Uhr und das seit 10 Minuten. Dann endlich, geil, die Uhr springt auf 20:02 und dann dauert es wieder 10, eher 15 Minuten, bis es 20:03 Uhr ist. Geil!
Währenddessen werden, wie in so vielen Stadien, die Zuschauer*innen abgefilmt und auf der Anzeigetafel gezeigt. Die finden das dann entweder supidupi toll und winken, sind peinlich berührt oder zeigen (in den wenigsten Fällen) gar keine Reaktion. Ich nenne das übergriffig. Und selbst vor der Nordkurve, dem Steh-/Supportbereich der St. Ellinger, wird kein Halt gemacht. Wow, in meinern Augen ein absolutes no go (im Grunde ja komplett) und ich bin einmal mehr so froh, Fan von der wirklich einzigen Möglichkeit zu sein.
Gefühlte 7 Stunden später geht es dann endlich los. Die Stimmung bei uns fantastisch. Zum Glück sind die Stufen hier so tief und steil, dass Leute vor und auf den Sitzplätzen stehen können, was auch zwingend nötig ist, damit ich nicht doch noch Paniktrigger mitnehme. Alle geben alles, gefühlt alle sind beim Support zu 100% dabei.
Bei unserer Choreo denke ich zuerst, dass das in die Hose geht, irgendwie sieht das von hier oben so krumm und schief aus, aber als ich später die Bilder sehe, bin ich total begeistert. Auch wenn das optisch auf der Gegenseite auch gelungen ist, sticht der Unterschied direkt ins Auge: Das bei uns ist einfach nur komplett charmant und nicht so auf Löwenbärenstarkunbesiegbar getrimmt. Die klassische HSV-Überheblichkeit hat auch in 7 Jahren Demütigung ihren Glanz (haha!) nicht verloren. Wie schön uns hier immer wieder aufs Neue vor Augen gehalten wird: Sankt Pauli ist die einzige Möglichkeit!
Bei den Hasis wird noch ein "Gemeinsam gegen Alle"-Transpi entrollt. Einen ganz kleinen Moment dachte ich, da steht jetzt echt "Gemeinsam gegen Nazis" und ich hätte es verdammt gut gefunden. Was "Gemeinsam gegen Alle" jetzt tatsächlich bedeuten soll, bleibt vermutlich auf immer und wenig in den Köpfen der Urheber*innen verborgen.
Das Spiel packt sowas von. wir brauchen etwas, um ins Spiel zu kommen und dann steht es plötzlich 0:1. Eine Eckenvariante, die selbst mich verwirrt und ein folgender Rückpass, der zu Eric kommen sollte, aber bei Adam landet und plötzlich führen wir. Die Kurve flippt total aus. Und das tollste: Weit und breit kein Anlass, dass hier irgendwas zurück genommen werden könnte, so dass selbst ich komplett ausrasten kann. Oft vermute ich ja eine Abseitsstellung und dann bleiben die Emotionen wegen des VAR noch eine Zeit lang in mir stecken (so war es leider auch beim 0:2). Aber hier ist alles so glasklar Tor, dass dem Ausflippen so gar nichts im Weg steht.
Zur Halbzeit bin ich schon heiser, es läuft gut, nur Schiri Dingert nervt total und hat so gar nichts im Griff. Ich spare mir Details, siehe Sportfachzeitschrift Deiner Wahl oder viel besser noch: siehe Millernton.
Beim vermeintlichen Ausgleich ist erstmal Karneval angesagt: Diese Torhymne und das unfassbar alberne Stadionübregreifende "Sankt Pauli?" "Nuuuuul!". Was für eine Qual. Das hat mit Fuß, das hat mit Ball, das hat mit Fußball nichts zu tun. Irgendwann reicht es dann aber auch mit der Bestätigung.
Ich habe tatsächlich vorher keine Abseitsstellung erkennen können und war verblüfft, dass der VAR sich meldet. Und dann wird das Ding tatsächlich zurück genommen. Was für ein krasser Scheiß! Torhymne wieder rückwärts gedreht: Sankt Pauli 1, St. Ellingen mal so gar nix! Und wir einfach nur: Hell yeah!!
Andréas William Edwin Hountondji: Umkurvt mal eben so Daniel Heuer Fernandes, hat danach im Grunde einen viel zu spitzen Winkel und Fernandes liegt auch nicht irgendwo geschlagen am Elfmeterpunkt rum und chillt, sondern ist irgendwie noch da und kann in die Schussbahn reingrätschen. Doch tatsächlich schafft Andréas es aus diesem Winkel den Knicker unterzubringen. Ekstase 2.0, zumindest bei den allerallermeisten. Ich reiße die Augen weit auf, erstarre, greife mir an den Kopf, jubel zwar auch irgendwie, aber gucke auch auf den Schiri-Assi, dann auf den Schiri, der läuft irgendwie Richtung Tor und zeigt irgendwas an, ich denke "scheiße Abseits", aber nee, der wollte irgendwas anderes und dann ist plötzlich Anstoß und es steht 0:2. Alte*r!!
Als nach 45+1+45+10 der Schlusspfiff ertönt, fällt ganz viel Anspannung ab und es ist nur noch Party pur angesagt. Was für ein Spiel, was für ein Support, was für ein geiler Scheiß!!
Während wir feiern passiert auf dem Stadion-Regieplatz erstaunliches: Klar, erstmal Musik an und der traurige Versuch uns zu übertönen. Wie sinn- und nutzlos. Was dann aber folgt ist fast schon Herz zerreißend (Betonung auf fast). Es läuft ein sehr melancholisches, eher schon trauriges Lied durch die Boxen. Und dazu werden dann tatsächlich nochmal die enttäuschten Gesichter der Zuschauer*innen auf den Tribünen abgefilmt über die Anzeigetafel eingeblendet. Was stimmt mit diesem Verein bloß nicht?
Wir feiern hier noch ein bisschen mit dem Team auf dem Rasen und dann geht es raus. Praktischerweise können wir, als wir das Stadion verlassen haben, in beide Richtungen entschwinden. Ich hatte schon befürchtet, die Cops lassen uns nur in eine Richtung ziehen. Wir verlaufen uns im HSV-Pulk zwar trotzdem und machen einen unnötig großen Bogen, der aber dank der Endorphine im gesamten Körper (doch, doch, das geht) gar nicht schlimm ist. Vorbei an den Ballermannbuden, dieses Mal nicht angeekelt schüttelnd, sondern innerlich ganz breit grinsend.
Zurück an der Unterkunft ist alles voll mit enttäuschten Rauten. Hier gibt es sogar eine Bar und die hat noch auf. Wir gesellen uns deutlich besser gelaunt mit frisch gezapftem Bier in den Außenbereich und gönnen uns doch noch in aller Stille ein alkoholhaltiges Feierbier. Mehr geht angesichts der Überreizung und Erschöpfung einfach nicht. Dann nehmen wir uns an die Hand, hüpfen mit gut gelauntem Gesichtsausdruck an den Giftpfeilblicken vorbei und erklären den Tag trotz des für mich katastrophalen Vormittags für außerordentlich gelungen.
Da wir das mit dem Virus ziemlich scheiße fanden, wünschen wir uns trotz des schönen Tabellenstandes doch keinen Saisonabbruch und freuen uns viel mehr auf weitere wundervolle Spiele. Dieses Team ist der Hammer! Alex, Andi und dem ganzen Stuff sei Dank!
Hier ist vermutlich Urlaubsbedingt erstmal Zwangspause angesagt. Wir sehen/hören/lesen uns tatsächlich frühestens zum 7. Spieltag vs. Hoffenheim wieder. So die Kartenvergabe will.
Gute Nacht!
PS: Ein Extra-Herz geht noch raus an Peter Németh, der wohl am liebsten jetzt noch vor unserem Block stehen und feiern würde. Mehr St. Pauli geht nicht!
Credits zum Derby (sofern bis jetzt online gefunden)
Millernton.
Vertrau mir blind"-Vlog.
Übersteiger.