Dienstag, 26.01.26, 20:30 Uhr, Bundesliga (M), Nachholspiel,16. Spieltag, Millerntor
Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.
Vorgeplänkel, Montag
Alles, aber wirklich ALLES spricht eigentlich dagegen, zum Spiel zu düsen: Psyche (nicht dass die in den letzten Monaten generell mal "gut" gewesen wäre, aber!), Wetterbedingungen, Termine/-planungen, Lohnabhängigkeit (ich bin jetzt tatsächlich nur für den Montag von Hamburg zurück nach Hause gefahren um ein paar Stunden später wieder hochzudüsen und müsste "eigentlich" auch Di/Mi arbeiten, aber!) und die Tatsache, dass ich trotz der guten Kartenlage "nur" einen reinen G2-Sitzplatz habe und keinen "Steh-Sitzer" und die Kälte mir garantiert auch körperlich zu schaffen machen wird, wo gerade auch nicht alles rosig ist. Jammer, jammer, jammer.
Aktive Vorbereitung
Was trotz des "ALLES" übrigens nicht dagegen spricht ist das Thema derzeitige sportliche Lage und die im Derby gezeigte Leistung. Sowas fällt bei mir beim Thema "Argument" eh raus, weil es für meine Entscheidung nun mal so gar keine Relevanz hat, wie gut/schlecht wir gerade performan oder wo wir in welcher Liga stehen. Wenn das irgendwann mal der Fall sein wird, werde ich mich nicht mehr "Fan" nennen (gemäß ganz eigener, subjektiver Definition für mich ganz alleine).
Das heißt nicht, dass ich entgegen aller Vernunft und Lust die Reise nur deswegen auf mich nehme, um dem irgendwie gerecht zu werden, koste es, was es wolle. Nee, viel mehr meine ich damit, dass ich natürlich auch Bock habe, trotz der Widrigkeiten im Stadion zu sein. Aber dieses Mal würde ich tatsächlich (wie ich es auch schon am kommenden Wochenende tun muss) die Segel streichen. Too much spricht dagegen, so dass ich tatsächlich schweren Herzens zu Hause bleiben würde, die Qual der Bettlakenleinwand in Anspruch nehmen und die Katze mit großem Bedauern an den Rand ihrer Toleranzschwelle bringen, wenn ich schreie, fluche und (hoffentlich) jubel.
Doch da gibt es etwas, einen Strohhalm, der es mir erlaubt doch zu fahren, fahren zu MÜSSEN: Denn ich bekomme heute nochmal für 2 Tage potentiell neue Hörgeräte zum Probetragen und diese müssen ausgiebig unter für mich relevante Kriterien getestet werden: Bahnhof, Zug, Outdoor, Stadion. So, hat sich dieser viel zu lange Vorgeplänkel-Absatz mit der Pointe doch noch gelohnt. Zumindest für mich. Oder wie ich Funfactmäßig bei solchen Situationen zu sagen pflege: Wir werden alle nicht jünger.
Apropos Hörgeräte: Ich halte die Chance für äußerst gering, dass es unter den hier Lesenden Hörgeräte-tragende HSP gibt. Falls doch, meldet Euch gerne mal mit Eurer Erfahrung. Es ist nämlich nun seit gut 8 Jahren mit solchen Dingern in den Ohren bei mir so, dass das nicht hinzukriegen ist, außer im ruhigen 1:1-Gespräch in geschlossenen Räumen. Dadurch, dass ich als HSPler viele Reize eh nicht filtern kann und da eben auch in hohem Maße diese akustischen zugehören, bleibt es auch mit Höris abseits mega ruhiger Umgebung eine Qual. Es ist offenbar schlichtweg nicht hinzukriegen, die akustischen Rundum-Geräusche und -Stimmen mit den Teilen so zu filtern, dass davon auch ein*e HSP profitiert. Denn die Teile wissen ja nicht, dass ich Neurodivergenzbedingt nicht filtern kann und sind per se für neurotypische Personen konzipiert worden.
So wird bei mir alles nur noch mehr verstärkt und sobald es eben keine ruhige Umgebung ist, ist alles noch schlimmer, als ohne Höris. Nur Nichttragen ist halt auch keine Lösung, weil ich dann bei Gesprächen komplett aufgeschmissen bin. So sind und bleiben Gespräche bei nicht komplett ruhigen Outdoor-Bedingungen oder in Kneipen etc. nach wie vor schnell eine zusätzliche Belastung, in der ich dann auch häufig nach kurzer Zeit abschalte und versuche diese zu beenden. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch betroffen? Dann gerne melden zwecks Erfahrungsaustausch.
Ja, schon wieder viel zu viel Ego-Kram, aber dafür steht da oben ja auch die Disclaimer-Warnung. Und nein: Es wird im folgenden Kapitel nicht weniger.
Vorgeplänkel, Matchday
6:33 Uhr: Yippie, das fängt ja super an. Ich suche mir ja schon immer 4 Züge/S-Bahnen raus, die mich von meinem Kaff zum ICE-Umsteigebahnhof bringen, weil hier gerne mal was ausfällt. Im schlimmsten Fall habe ich dann 1,5 Stunden Wartezeit am uncoolen Umstiegsplatz. Zum Glück höre ich heute morgen Radio und erfahre gerade, dass offenbar versucht wurde Kabel zu klauen und dabei Dinge zerstört wurden, die dazu führen, dass so gut wie gar nix fährt (und alles andere langsamer oder als SEV, den mensch aber erstmal suchen muss). Supi, noch mehr Kopfkino, noch mehr Wenns und Abers, und am Ende mal wieder noch eher am Umsteigebahnhof.
Aufgrund von Vandalismus kommt es auf mehreren Strecken zu Beeinträchtigungen. Das Ende können wir leider noch nicht abschätzen. In der Folge kommt es zu Verspätungen und Teilausfällen.
Quelle: zuginfo.nrw
9:22 Uhr: Dort finden mal wieder verdachtsunabhängige Kontrollen gegen komischerweise (sic!) immer die selben Personengruppe statt. Mit vier Cops gleichzeitig. Wenn da mal nicht mancheine*r neidisch nach Minneapolis guckt.
Für mich bleibt somit immerhin Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Nimm das, Markus.
Nahrhafter Frühstücksschmaus
10:23 Uhr: Der Rest ist DB as usual. Kurz bevor der Zug einfährt Gleisänderung. Gerade rüber gehoppelt fährt dort aber eine Regionalbahn ein, die erst 15 Minuten später weiter fährt. Also erneute Gleisänderung und im Sauseschritt zurück zum ursprünglichen Gleis. Der Schrittzähler freut sich. Dafür ist es im Ruheabteil schön leer und sogar ruhig. Der wohl einzige Vorteil an einem Dienstagspiel.
13:12 Uhr: Dafür sind wir unfassbar pünktlich.
Teutsche Pünktlichkeit
Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, Matchday
18:00 Uhr: Viel bedeutender, als jedes Fußballspiel. Heute vor 81 Jahren wurden die Überleben aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Rund 1,3 Millionen Menschen starben dort, davon 1,1 Millionen Juden:Jüdinnen. Auch der FCSP gedenkt der Opfer, so dass wir uns um 18 Uhr auf dem Harald-Stender-Platz versammeln.
Im Stadion wird die Biografie von Selig Cahn, einem Sportler des FC St. Pauli vorgestellt, der Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurde. Hauke Wahl erzählt diese in einem Video aus der Ich-Perspektive, wodurch mir die eh schon ins Mark gehenden Worte noch bedrückender erscheinen. Dieses Video findet Ihr auch auf den sozial media-Kanälen des FCSP. Ebenso das Video des polnischen Antifaschisten Josef Smyk, vorgetragen von Adam Dźwigała sowie von Louisa Elias, vorgestragen von FCSP-Vizepräsidentin Luise Gottberg. Die Videos enden mit den Worten: "Alle zusammen gegen den Faschismus."
Ich finde unser Verein gedenkt den Opfern sehr würdevoll. Ich möchte die Schlussworte noch um ein "Alle zusammen gegen jeden Antisemitismus" ergänzen, denn ich halte es im Kontext zu diesem Tag (und immer) für wichtig, den Schutz jüdischen Lebens generell zu betonen. Es geht nicht "nur" (im Sinne von "ausschließlich") um Faschismus, wenn es um den Schutz jüdischen Lebens geht. Das haben uns die letzten rund 2,5 Jahre noch einmal verstärkt vor Augen gehalten: In Sydney, wo 16 Menschen aus antisemitischen Motiven ermordet wurden und an vielen anderen Orten, an denen jüdische Menschen täglich beleidigt, bedroht und attackiert werden. Nicht zu vergessen die sich selber als links bezeichnenden Menschen und Gruppen, die das Massaker der Hamas und ihrer Verbündeten am 07.10.23 als Akt der Befreiung feiern.
Stadion, Matchday

18:30 Uhr: Es ist nicht leicht inhaltlich wieder die Kurve zu kriegen. Sorry, wenn das zu abrupt ist.
Ich gehe noch auf ein Getränk in den Feldstern, G.A.S.-J. hallo sagen, dessen Fahrt aus den Tiefen Bayerns noch deutlich umständlicher war, als meine. Danach ab ins Stadion, die Rituale durchleben.

18, 19, 20, 21!
19:30 Uhr: Die Aufstellung kommt rein. Wow, Saliakas, Andō und Sinani drin. Irgendwie genau so, wie ich es mir für heute gewünscht hatte. Dann seht bitte mal zu, dass ich uns damit nicht ins Chaos gestürzt habe.
50+1 konsequent umsetzten. Word!
20:25 Uhr: Ich habe Glück und kann mich in G2 auf Grund von ein paar Lücken zwei Reihen höher positionieren, wo ich auch stehen kann und wo ich in letzter Zeit öfter war. Über die für mich leider nicht zu sehende Videoleinwand wird das Video von Selig Cahn ausgestrahlt. Die Leipziger präsentieren ein "Nie wieder Auschwitz!"-, die Süd und die Gegengerade "Kein Vergeben, kein Vergessen!"-Banner. Die Teams laufen ohne Hells Bells ein. Es ist bedrückend, es ist würdig.


Und trotzdem schlägt meine Trauer kurz in Wut um. Während die Süd laut "Alle zusammen gegen den Faschismus" skandiert, scheint mir das viel zu vielen vor mir am Arsch vorbei zu gehen. Mein "OK, zumindest die Süd zusammen, wenn auch nicht die Gegengerade" erntet mindestens einen bösen Blick, während zwei andere Personen vor mir weiter emotionslos in ihren Handys rumdaddeln. Funfact: Genau diese beiden sind am Ende diejenigen, die am meisten supporten und fröhlich hüpfend "Antifa Hooligan" mitsingen.
Das ist bei weitem kein Rundumschlag. Ich sehe Teile der Gegengeraden bei weitem nicht so negativ, wie manch andere, die den mangelnden Supportwillen kritisieren. Und klar haben da auch Leute mitskandiert. In manchen Ecken mehr und in anderen weniger. Aber an dieser Stelle hätte ich mir einen Roar vom allerfeinsten gewünscht. Dafür fehlte zumindest in meiner Umgebung dann doch zu viel.
Als hätte es das Derby nie gegeben: Die Leistung verblüfft und ist vielleicht sogar noch etwas stärker als in Dortmund. Ricky mag offenbar die leichten Dinger nicht und versenkt lieber per Kopf und mit verrenktem Hals oder per "Drehmoment". Aber frei aufs Tor zulaufen (drei Mal, davon allerdings einmal Abseits) scheint zumindest heute nicht so seins zu sein. Dazu immer wieder Situationen bei anderen Spielern, wo nicht nur ich "nun schieß doch!" schreie. Tomoya Andō holt zum Schuss aus, lässt den Knicker dann aber doch für einen vermeintlich besser postierten Mitspieler, den es leider nicht gibt, durch. Und so geht es mit 0:0 und gemischten Gefühlen in die Halbzeit.

Dort gibt es zunächst eine wichtige Rojava-Choreo auf der Süd. Auf dem Platz läuft es weiter gut, allerdings will die Kugel nach wie vor nicht dahin, wo wir sie sehen wollen. Mir geht gerade der "Das ist so ein typisches Spiel, wo sich das am Ende rächt"-Gedanke durch den Kopf und da passiert es: David Raum lässt sich bei seiner Ecke von den fliegenden Papierkugeln nicht beirren, Saliakas kann mit dem Kopf nur zur Mitte klären und Yan Diomande zieht unhaltbar ab. Seine Provokation (Finger auf die Lippen in Richtung Süd) unterbindet Raum, indem er ihn in die andere Richtung schuppt. Nicht dass ich Raum besonders mögen würde und dass das irgendwas an meinen Emotionen ändern könnte, aber das fand ich irgendwie... erwähnenswert.
Raum ist es auch, der in der Nachspielzeit ausrutscht und dadurch Kaars umgrätscht. Der heute gute Florian Exner zeigt sofort auf den Punkt. Mir scheint es erst so, als würde sich niemand trauen den Ball zu nehmen und ich weiß nicht, ob Kaars es am Ende spontan macht oder ihn vielleicht doch schon die ganze Zeit in der Hand hatte. Auf jeden Fall versenkt er den Knicker, allerdings so knapp, dass ich nicht einmal jubeln kann. Bei mir hat das Adrenalin schon wieder so krumme Wege eingeschlagen und wird von der Hochsensibilät an die Hand genommen, dass ich einfach nur tief ausatme. Beim Schlusspfiff ist es ähnlich, allerdings anders begründet: Während "das Stadion" über den noch geholten Punkt jubelt, kann ich mich nicht bewegen. Zu zwiegespalten angesichts dessen, dass mehr drin war (xG-Werte 1,43:1,09 bei xgscore).
Was ich trotz aller Antipathie noch loswerden muss: Ich fand das da auf dem Rasen (bis auf die Albernheit von Diomande) mal erfrischend angenehm, auch abseits unserer Leistung: Sehr fair, wenig Fouls und vor allem kaum Teatralik und übertriebenes Zeitspiel. Vielleicht hab ich das in meiner Anspannung auch nicht wahrgenommen, würde mich aber stark wundern, da mir sowas sonst so dermaßen auf die Kirsche geht. Was ich oft von gegnerischen Teams genervt bin! Dortmund, poahr! Oder Bayern (bei aller Freundschaft). Diese unsäglichen, seltenst geahnten Zeitschindereien. Aber heute war da trotz einer 1:0 Führung der Leipziger meiner Ansicht nach wenig von zu sehen. Trotzdem 50:1 konsequent umsetzen!
Manchmal denke ich, die wollen in Leipzig wenig "falsch" machen, damit sie ein Stück weniger angefeindet werden. Auch die Fans scheinen ja politisch jetzt auch nicht komplett daneben zu sein, was sich heute nicht zum ersten Mal gezeigt hat. Wie auch immer mensch dann bei so einem Konstrukt landen kann. Auch wenn ich mich wiederhole: Trotzdem 50:1 konsequent umsetzen!
Als G2 fast leer ist, gehe ich auch und verabschiede mich von der sich hier für mich gerade etwas entwickelnden Bezugsgruppe in G2, da die meisten meines Umfeldes auf Süd Steh und teilweise GG Steh sind. Das Spiel hat nach den Ergebnissen vom Wochenende auf jeden Fall nochmal ein Stück Hoffnung gemacht. We will see. Gute Nacht!
Mehr wie gewohnt beim Millernton.













