Sonntag, 03.05.26, 15:30 Uhr, Bundesliga (M), 32. Spieltag, Millerntor

Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den vorgeschobenen Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich und geht häufig über den Spieltag hinaus. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.

Vorgeplänkel

Nee, meine Motivation zu schreiben ist tatsächlich die gleiche, wie zuletzt. Ich versuche das jetzt aber trotzdem noch bis zum Saisonende durchzuziehen.

Der gestrige Spieltage hat nochmal so richtig runtergezogen. Immerhin haben die Bayern - ob das jetzt verständlich ist oder nicht - ihrer alljährlichen Wettbewerbsverzerrung noch ein wenig Einhalt geboten. Bzw. der Heidenheimer Keeper hat durch sein Eigentor - ohne jede Schuld - dazu beigetragen, dass uns der Arsch nicht noch weiter auf Grundeis geht (45+3+45+10=113. und nicht 110. Minute). Die erste Halbzeit haben wir uns das noch im Vereinsheim gegeben. Leider bis auf ein Vater-Sohn-Duo aus München, was keinen Bock auf Musical hatte, und der Thekencrew als einzige. Ich hoffe alle anderen potentiellen Gäst*innen waren an der Adolf-Jäger-Kampfbahn.

Tja, und dann kommt der

Spieltag (Vormittag)

Zumindest unser. Und der von Wolfsburg. Und somit der eigentlich relevante, denn noch auf Rang 15 zu springen ist spätestens seit gestern vermutlich doch etwas utopisch.

"Utopien leben!" schreit da mein 20jähriges Ich aus dem Off. Haha, is klar, Digga!

Es ist der 3. Mai und wir haben jetzt schon Temperaturen, die außerhalb meiner Wohlfühloase liegen. Die Forderung danach hatte ich immer ohne persönliche Konsequenzen meinerseits verstanden und ich bin auch nicht bereit, dieses Säcklein alleine zu tragen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich dieses jahrelange Wohlfühloasengerede für leicht übertrieben halte.

Den Vormittag verbringe ich mit rechnen. Mein Gehirn ist ja in Wirklichkeit eine Excel-Tabelle. Ich gehe davon aus, dass Wolfsburg nächste Woche gegen Bayern gewinnt. Für heute habe ich bzgl. unseres Spiels nur geringe Hoffnung, auch wenn ich gleich mit 1910% Willen ins Stadion gehe und mich niemals an dieser ganzen Nörgelei und Suche nach sportlich Schuldigen beteiligen werde, die häufig komplett die Umstände ignoriert. Da geht es dann oft nur noch ums digitale Draufhauen auf einzelne Akteure, um den eigenen Frust zu kompensieren. Den Frust direkt nach dem Spiel abbauen, kann ich voll nachvollziehen (mit gewissen Grenzen). Auch später noch konstruktiv und sachlich: Völlig ok, natürlich! Aber die Hürde wird in meinen Augen viel zu oft gerissen. Not my Vereins- und Fanverständnis. 

Mein Wahrscheinlichkeitsrechner (Teil von Excel) sagt ein Endpsiel um Platz 16 gegen Wolfsburg voraus, bei dem wir gewinnen müssen. Meine Hoffnung ist dagegen ein heutiger Sieg, ein Freiburger Sieg gegen Wolfsburg und eine Niederlage der Wolfsburger in München und somit ein entspannter letzter Spieltag, weil ich nicht davon ausgehe, dass wir noch an Platz 15 kratzen werden. Am Ende ist die ganze Rechnerei fürn Arsch, weil Wahrheit und Platz und so. Aber ich finde leider nicht das Tool, welches diese Weisheit in meine Excel-Tabelle einfügt und mir somit mal eine Pause gönnt. 

Jetzt ist es 10:30 Uhr und ich hatte mir fest vorgenommen, nicht zu früh meinen HSP-Safe Place zu verlassen. Die letzten Tage hatte ich schon so viele Reize, dass ich mich heute wirklich schonen muss, bevor es losgeht. Aber ich bin viel zu nervös und muss jetzt einfach rausrennen. Mensch, ey. Forza und so!

Spieltag (Spiel)

Puh, also: Erstmal das persönlich Positive. Neben den eh schon vor dem Spiel geherzten netten Menschen aus dem sogenannten persönlichen Umfeld noch zwei weitere kennengelernt, die ich bisher nur so halb digital kannte. Es war mir eine Freude. Grüße gehen raus an JR und BH.

mainzel

Weniger Freude bereitet, dass unser Stadion nach wie vor kein Safe Space ist und - das liegt leider in der Natur der Sache - auch nie einer sein wird. Umso wichtiger immer wieder aufs neue den Finger in die Wunde zu legen und stetig am Bestmöglichen zu arbeiten. Dabei dürfen wir nicht außer acht lassen, dass es nicht nur die "Extremfälle" sind, sondern es auch die kleinen, für manche scheinbar belanglosen Momente sind. Es liegt an uns allen, in sämtlichen Situationen, wo Menschen diskriminiert, eingeschüchtert, etc. werden, Solidarität zu zeigen. Auf allen Ebenen. Wir haben ein tolles Awareness-Team, wir haben Ordner*innen und wir haben solidarische Steh- und Sitznachbar*innen. Irgendwer ist immer zur Unterstützung irgendwo. Ihr seid nie alleine!

flugi

Auf jedem 2. Sitzplatz der Gegengerade war das von uns bereits geteilte Statement zu den Übergriffen am 8. März geklebt (ob in anderen Stadionbereichen auch, weiß ich nicht). Ich wollte eigentlich hier ausführlich was zu den Reaktionen der das Lesenden schreiben, allerdings konnte ich tatsächlich gar nicht wirklich irgendwas ausmachen. Die paar Personen, die ich "beobachtet" habe, haben sich den Zettel durchgelesen und ihn dann regungslos an eine andere Sitzschalte geklebt oder sonstwas belangloses damit gemacht. Wie das dann von innen aussah? Keine Ahnung. Gefühlt häufig desinteressiert, aber das dürfte eh von Person zu Person unterschiedlich gewesen sein.

flugi2

Das Mainzer Vereinslied beweist einmal mehr: Es gibt schlimmeres, als keine Stadionhymne (nennt es wir Ihr wollt) zu haben. Einer meiner Favoriten (Brigade Helbing mit dem LAK-Cover "das ist mehr als Fußball") wurde heute auch gespielt, allerdings nicht an prominenter Stelle, sondern bereits eine Stunde vor Anstoß. Stattdessen gab es als routierenden Hymnenersatz Jan Delay's "auf Sankt Pauli brennt noch Licht". Das kam auf der GG sogar ganz gut an und der Refrain wurde aus vielen Kehlen mitgesungen. Sei es aus Freude über den Song generell oder um sich - textlich passend - selber Mut zu machen. 

pyromainz

Im Anschluss dann noch ein mir nicht bekannter Song, der dem 30jährigen Jubiläum der Skinheads St. Pauli gewidmet sein dürfte, die selbiges mit einer Choreo über G1 + GG-Stehblock C feierten. Glückwunsch auch von unserer Seite.

sued

Anpfiff und wir haben direkt zwei dicke Chancen nach Ecke. Der Auftakt macht mal wieder Mut und genauso haut die Ernüchterung nach 6 Minuten voll rein. Danach gelingt wenig. Zwar sieht es zunächst so aus, als könnten wir nochmal an die Anfangsphase anknüpfen, aber die Hoffnung ist von kurzer Dauer. Nach einer viertel Stunde geht es merklich Berg ab: Pässe kommen nicht an, es werden falsche Entscheidungen getroffen, Verunsicherung macht sich breit. So zumindest mein Eindruck. Eine Person hinter uns schreit und meckert ununterbrochen, dass ich ihn am liebsten per Laser in den Spiellaberfaden des FCSP-Forums dingsen würde. Wenn mich irgendwer mal fragen sollte, was ein Wutpauli ist, verrate ich Euch Block, Reihe und Sitznummer dieses DK-Inhabers, dann könnt Ihr Euch selber weiterbilden.

noooo

Zur Halbzeit gibt es vereinzelt Pfiffe, mehr St. Pauli-Aufmunterungsrufe und am meisten schweigen. Zum Wiederanpfiff eine schöne Anti-IMK-Choreo in vielen Stadionteilen (alle außer Haupt?), an der sich auch die Mainzer Gäst*innen beteiligen. Die Mainzer Kurve hatte meiner Erinnerung nach bei den zwölfminütigen Schweigeprotesten zu Beginn der Spiele vor einigen Monate noch durch Verweigerung auf sich aufmerksam gemacht und fröhlich durchsupportet.

imknord

In der 2. Halbzeit nehme ich ein deutliches Aufbäumen wahr. Ich bin weit von diesen "alles ist nur noch Scheiße"-Reaktionen, weil ich es tatsächlich auch nicht so wahrnehme. Ich sehe da unten nach dem Seitenwechsel durchaus Kampf, aber eben auch, dass längst nicht alles gelingt, wofür ich aber niemandem einen Vorwurf machen kann (weil es eben niemand absichtlich macht). Klaro: Abdoulie darf den Knicker nicht nochmal quer legen und muss den versenken. Ich hab auch laut geschrien, aber glaubt wirklich jemand, der versiebt das Ding mit Absicht? Das ist vermutlich viel mehr mangelndes Selbstvertrauen, Angst die falsche Entscheidung zu treffen und genau das passiert dann eben auch. Trotzdem: Nach gut einer Stunde bauen wir phasenweise Druck auf, schaffen auch den Anschlusstreffer durch Abdoulie (87.), bei dem ich allerdings keinerlei Regung zeige, weil ich mir sicher bin, das Ding wird wegen Abseits kassiert. Doch trotz starken Supports von Süd und Gegengerade reicht es nicht mehr zum Ausgleich.

imkgg

Ansonsten bin ich dank Schiri Timo Gerach alles andere als ruhig. Ich meckere wirklich selten über Schiedsrichter, aber der hat sich ja gefühlt aktiv am Zeitspiel beteiligt (auch durch die häufige Laberei vor Ausführung einer Ecke). Mal von der viel zu späten Gelben Karten gegen den Mainzer Keeper abgesehen, haben die Mainzer auch nach den beiden Toren ein Tempo in die eigene Hälfte zurückgelegt, die ich bisher nur von den Bayern kannte. Und das komplett ohne Schiri-Eingriff. Da wurde auf dem Weg nochmal 20 Sekunden Halt an der Bank gemacht um zu schnacken und zu trinken. Bei Ecken sah es nicht viel anders aus: Da wurde nur so dahingeschlichen, während Gerach einfach nur eine Minute lang in Richtung Strafraum starrt und das vermutlich auch noch fünf weitere Minuten so gemacht hätte, ohne sich um den zur Ecke kriechenden Spieler zu kümmern.

imksued

Am Ende stehen dann gerade mal +5 Minuten auf der Uhr, ne Frechheit. Über 50 Sekunden davon gingen alleine in einer Szene mit vermeintlicher Verletzung drauf, wo Gerach deutlich dieses "ich stopp die Uhr"-Zeichen macht. Dazu weitere Möchtegern- und/oder Krampfbedingte Unterbrechungen. Und was macht er am Ende? Pfeift nach +5:30 ab. Ich kotze! Dazu meiner Ansicht nach sehr einseitige Kartenvergaben. 90 Minuten lang nix (außer die viel zu späte gegen den Keeper) und dann in der Schlussphase gleich drei Karten gegen uns, wo ich mich zumindest in der Summe und in Relation zu vielen anderen Szenen zuvor frage, was das auf einmal soll.

Poahr, mein Puls! Natürlich lag es daran nicht primär, aber wir hätten noch mindestens einen langen Ball gehabt.

Leider fehlt mir auch so ein wenig die Cleverness da unten. Mensch kann den Schiri schon mal darauf hinweisen, wenn manche Aktionen (Freistöße, Torjubel etc.) ewig lange dauern. Wieso muss ich das alles machen?

Dann wird auch noch Kohr eingewechselt (76.). In dem Moment hatte ich tatsächlich Hoffnung, dass sich dadurch die Emotionen auf den Rängen und auf dem Feld noch etwas höher schaukeln und wir die Wut für uns nutzen können. Aber Pustekuchen. Kohr jammert einmal rum, er sei gefoult worden, kriegt dafür auch einen - aus meiner Sicht unberechtigten - Freistoß und das war es dann von Dominik.

Schlusspfiff und Enttäuschung. Es gibt vereinzelt Pfiffe, aber deutlich mehr Aufmunterungsversuche. Der Vorsänger auf der Süd spricht via Megaphon zu den Spielern. Klar habe ich davon kein Wort mitbekommen, da aber danach sowohl die Spieler, als auch der überwiegende Teil der Süd (so wie ich das von der GG aus gesehen habe) applaudiert, kann ich das nur als motivierende Ansprache deuten. 

Gleich fängt Freiburg vs. Wolfsburg an. Igor richtet es hoffentlich. Und dann würde feststehen, dass wir am letzten Spieltag auf jeden Fall noch die Chance auf Platz 16 haben. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schrieb ich schon mal? Dann muss es ja stimmen. Gute Nacht!

Outro

"Menschenrechte sind unverhandelbar. Sie gelten immer und überall – für alle Menschen."

Zum Ende des Tages gibt es trotz der sportlichen Relevanz noch ein wenig politischen Input. Unser Pressesprecher Patrick hat diesen sehr guten Text auf Bluesky geteilt. Von ein paar problematischen Formulierungen (z.B. "blind machen" => ableistische Sprache) abgesehen, steht da sehr viel drin, was wir so unterschreiben würden. Ich verzweifel daran, dass sich nicht mehr Menschen mit dem Thema Nahost befassen (sowohl in der Punkszene, als auch im FCSP-Umfeld). Da ist soviel Unwissen, soviel Wegschieben, soviel "nicht damit befassen wollen, weil zu komplex", so dass Gruppen und Personen, dessen propagierte Menschlichkeit sehr selektiv ist, häufig unwidersprochen agieren können. Dabei ist es (teilweise) so leicht und dieser leichte Teil ist in diesem Text sehr gut zusammen gefasst. Sollte Euch jemand was anderes einreden wollen, seid wachsam. Danke! 

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Konstruktiveres zum Sportlichen gibt es beim Millernton.

Noch mehr und auch noch richtig gute Fotos bei Gröni.