Vorgeplänkel auf Samstag, 23.01.26, 20:30 Uhr, Bundesliga (M), 19. Spieltag, Millerntor

Vorgeplänkel

Sollte die Menschheit noch einen Beweis benötigen, dass sie Multitaskingfähig ist, so nehmt mich: Mit Abpfiff in Dortmund schafft mein Hirn es nicht nur die ambilaventesten Gefühle gleichzeitig zu durchleben, es bekommt es sogar hin, einen Ohrwurm - der frühestens mit Derby-Abpfiff wieder verschwindet - gleichzeitig und fortlaufend zu dingsen. Und das auch noch so, dass der Gesang von Zeile zu Zeile zwischen meinen unterschiedlichen Persönlichkeiten wechselt. Bereits Billy Idol wusste das und hatte mit seinem Gassenhauer "I am anthem singnig with myself" die Welt über seine wissenschaftliche Erkenntnis informiert. Und so gehe ich (A) imaginär seit dem Schlusspfiff in Dortmund durchs Viertel, wo ich (B) jeden rufen höre und ich (C) begeistert feststelle, dass die im weiteren Verlauf thematisierte Erkenntnis bereits auf Schildern, Wänden und Stufen steht. Das wird noch eine verdammt lange Woche.

Und weil es noch so verdammt lange dauert, schreibe ich bis dahin einfach weiter und nutze die Zeit, um diese Generationen aufwühlende Frage nach der Nummer 1 der Stadt ein für alle Mal zu beantworten:

Ob Fan, Spieler oder Funktionsträger. Beim HSV wird mensch nicht müde, primär ungefragt zu betonen, dass selbstverständlich der HSV die Nummer 1 der Stadt sei: Mehr Mitglieder, größeres Stadion und weiß der Henker, was sonst noch alles Tolleres. Das liegt offenbar so schwer auf der Seele, dass selbst unmittelbar nach dieser beispiellosen Vorführung durch den viel kleineren Stadtteilverein im Hinspiel, der HSV-Spieler Ransford-Yeboah Königsdörffer sich vor die Kamera stellte, um in seiner Verzweiflung hinsichtlich der Demütigung im heimischen Volksparkstadion, dieser noch selber die Krone aufzusetzten: Heute habe man gesehen, wer die Nummer 1 der Stadt sei, da deutlich mehr HSV- als FCSP-Fans im Stadion gewesen seien. Boahr, dazke, ey!

Aber mal ganz ehrlich: Ja. Ihr habt mehr Mitglieder, Ihr habt das größere Stadion und Ihr habt auch die deutlich größeren finanziellen Möglichkeiten. Dass nach 7 (!) Jahren Zweitligazugehörigkeit, während der sogar der kleine verhasste Stadtteilverein es geschafft hat aufzusteigen, der Kader einen mehr als doppelt so hohen Marktwert als eben der des FCSP hat, macht es ebenfalls deutlich: Der HSV ist die Nummer 1 der Stadt. Zumindest, wenn mensch all das als Kriterien anlegt. 

Und das ist OK für mich. Ich will gar nicht tauschen. Ich will gar nicht in all diesen Dingen die Nummer 1 der Stadt sein. Ich mag dieses sportliche Underdog-Ding. Aber ganz ehrlich: Je öfter Ihr es betont, umso deutlicher wird es: Angesichts Eurer Möglichkeiten, Eurer Größe, Eurer Tollheit, ist doch jeder Moment, in dem der FCSP es schafft Euch zu kitzeln oder gar zu schlagen oder zu überholen, eine unfassbar riesige Demütigung. Jede FCSP-Niederlage gegen den HSV ist angesichts des immer wieder Selbstbetontem im Grunde der Normalfall. HSV Liga 1, FCSP Liga 2: Normal. Auch wenn beim HSV die Normalität immer wieder ausgesprochen irritierend frenetisch gefeiert wird.

Wenn ich auf das Spiel am Freitag blicke, dann gehe ich da tatsächlich relativ entspannt ran: Klar würde mich eine Niederlage tierisch ärgern. Das abzustreiten wäre ja albern. Es ist ja schließlich ein Derby und da ist der (erste) Ärger natürlich noch größer, als generell schon bei Niederlagen. Aber es wäre normal. Sollten wir hingegen tatsächlich erneut erfolgreich sein, ist es angesichts Eurer Größe, Eurer Möglichkeiten, Eurer Mitgliederzahl, Eurer Stadionkapazität, der unterschiedlichen Kaderwerte und all dem anderen Schwanzlängenvergleich, einmal mehr eine riesige Sensation. Und eine weitere Demütigung für den riesengroßen HSV. Kommt es nicht so: Ja, ärgerlich. Aber So What? Dann hat am Ende die immer wieder aufs neue betonte Normalität Einzug gehalten.

Ach ja, die Frage nach der Nummer 1 der Stadt. Das müsst Ihr dann leider doch für Euch selber beantworten: Ist die Größe (Länge?), die finanziellen Möglichkeiten, die Mitgliederzahl und generell all diese "Größer, Weiter, Höhe, Länger"-Dinge für Euch relevant, dann ist der HSV selbstverständlich die Nummer 1. Geht es um die Relation zwischen den Rahmenbedingungen und dem in den letzten Jahren Erreichten, inklusive der derzeitigen Konstellation (beide Liga 1, nicht allzu weit voneinander getrennt) oder gar um ganz andere, möglicherweise dann doch relevantere Kriterien, dann würde ich mir das noch mal überlegen. Tipp: Besser nicht Ransford-Yeboah fragen, sonst wird es noch unangenehmer.

So, Blick auf die Uhr: Scheiße, immer noch Dienstag. Dann leg ich im Kopf nochmal die andere Seite der Platte auf. Auch wenn beide Seiten irgendwie identisch sind.

Auf ein friedliches, emotionales und geiles Derby!