Samstag, 17.01.26, 15:30 Uhr, Bundesliga (M), 17. Spieltag, Westfalenstadion

Disclaimer: Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.

Vorgeplänkel

Wir sind Gruppentechnisch in Rekordbesetzung, was mathematisch ausgedrückt 7 Menschen bedeutet. So sehr ich mich auch über jeden einzelnen davon freue, ist das für mich psychisch eine riesengroße Herausforderung, ohne dieses Mal in gewohntem Maße ausholen zu müssen.

Letzte Saison Dortmund war in vielen Belangen richtig Scheiße. Das coolste war noch die Anreise, die jenseits der Dortmunder Massen recht entspannt war. Ab Einbiegung zum Stadionweg ging es dann auch rapide Berg ab. Dieses Mal versuchen wir zumindest die Trigger der Rückreise zu vermeiden und verzichten komplett auf öffentliche Verkehrsmittel und den Weg dorthin. Schau mer mal.

Matchday

Ich fahre selber mit dem Auto. Das war über zig Jahre ein Ding der Unmöglichkeit, weil das (bzw. die) Stadionbier(e) für mich ein unverbeidbares Dazugehören waren. Inzwischen geht das auch sehr gut mit Jever Fun-Büdchenbier und weiteren Alkoholfreien im Stadion. May be, dass (dazu nachher mehr im Outro) mir auch 2-3 der anderen Sorte etwas Entspannung gebracht hätten, aber meine Prioritäten sind hier, heute und sicher auch bei weiteren Stadionbesuchen andere.

Die Karre ist randvoll und wir parken 3,5km entfernt in der Nähe des P&R-Parkplatzes an der Uni. Wir sind natürlich mal wieder megafrüh, so dass noch gar kein Shuttle fährt, hatten aber eh geplant den Fußmarsch zum Stadion als Teil unseres gemeinsamen Ausfluges erneut zu zelebrieren. Der Weg ist ungefähr der Gleiche, wie im Vorjahr, als wir bis Dortmund-Uni mit Öffis gefahren sind.

hinweg

Mit Büdchenstopp treffen wir 45 Minuten vor Toresöffnung auf den Rest unserer Tages-Gang. Tatsächlich ist der Fanclub fast komplett. Ein Sonderherz geht raus an die fehlende Person, die leider im Moment nicht dabei sein kann.

Apropos Orga: Ich, die durchorgansierte Person schlechthin, muss eingestehen, dass selbst bei mir noch Luft nach oben ist. Nein, anders: Ich bin sehr froh darüber, dass dieser neurodivergent bedingte Hang zur Perfektionalität offenbar doch nicht alle Eventualitäten einschließt. Denn Fanclubmember Romang hat tatsächlich eine Packung vegane Majo für seine erhofften Stadionpommes dabei. Spoiler: Diese wird er genauso auch wieder mit nach Hause nehmen.

Interne Wahl zum FLINTA*-"feindlichsten" Stadion

And the Winner is... na wer wohl? Die Begründung der Fanclub-eigenen Jury:

1. Es gibt zwar erfreulich viele Nordost-Eingänge (für die meisten unserer Blöcke im Oberrang), die sogar bereits 2,5 Stunden vor Spielbeginn öffnen, allerdings ist nur jeder 10. Eingang weiblich gelesenen Personen vorbehalten (von FLINTA* müssen wir hier natürlich erst gar nicht reden). Wie hoch war nochmal bei uns im Stadion der Anteil an FLINTA*? Ich meine irgendwas um die 40%. Bemühen wir einmal Excel, wo kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Wartezeiten für weiblich gelesene Personen bei diesem Verhältnis ca. 6 mal so hoch ist, wie für männlich gelesene Personen. Rechenbeispiel: Von 100 Fans sind 60 männlich gelesen und 40 weiblich gelesen. Die 60 verteilen sich auf 9 Eingänge, also pro Eingang 6,67 Personen, während die 40 weiblich gelesenen nur 1 Eingang haben. 40/6,67 ≈ 6. 

Aber hey, natürlich nehmen wir unseren woken FCSP nicht zum Maßstab aller Dinge:

Rund 38 Prozent aller weltweiten Fußballfans sind weiblich: So will es die Sponsoring-Beratung Sport+Markt 2019 unter 20.000 Befragten in 21 Ländern herausgefunden haben. In Deutschland sind es demnach sogar 46 Prozent. Über die Intensität des Hobbys sagt das nichts aus, jedoch, das zeigen auch andere Studien: Fußballinteresse ist mittlerweile fast paritätisch. Dünner wird es, je männlicher konnotiert die Räume sind. In Stadien liegt der Frauenanteil bei geschätzten 30 Prozent.
Quelle: Freitag.de (€)

Also Excel neu gefüttert und wir bekommen heraus, dass weiblich gelesene Fans im Vergleich zu männlich gelesenen Fans hier eine 4 x so hohe Wartezeit haben. Heya BVB!

Unsere sonstigen Erfahrungen am Eingang waren übrigens positiv: Die Intensität wie so oft je nach Ordner*in variabel, aber alle soweit freundlich. 

2. Die WC-Situation: Poahr! Schon viel erlebt, aber das hier gehört zu den absoluten Highlights. Es gibt für den riesigen Bereich im Oberrang (Blöcke 57 bis 59) ganze 5 (!) "Frauen"-WCs (ich schreibe bewusst "Frauen", da natürlich auch hier, wie in den allermeisten Stadien, die Anlagen nach dem überholten Zweigeschlechter-Prinzip ausgerichtet sind). Von diesen 5 WCs waren mindestens 2 defekt (nicht funktionierende Spülung). Personen, die stattdessen einfach die längst nicht so überfüllten "Männer"-WCs aufgesucht haben, berichteten, dass bei 4 von 5 Kabinen die Tür fehlte. So bildeten schließlich mehrere FLINTA* (jetzt bin ich bewusst wieder bei unserer realen Sichtweise auf die Geschlechtervielfalt) solidarischen Sichtschutz für die hier ihre Geschäfte verrichtenden Leidensgenoss*innen.

Wer jetzt aufschreit und meint, dass 5 vs. 5 WCs doch verdammt fair wäre, sei erklärt, dass auf der "Männer"-Seite natürlich zusätzlich eine ganze Menge Pissoairs vorhanden waren.

Klopapier und Halterungen dafür waren übrigens - selbst zu Beginn - nicht zu finden. Papierhandtücher oder Händetrockner an den Waschbecken? Fehlanzeige.

3. In welchem Jahrzehnt seid Ihr denn bitte hängengeblieben, dass Ihr diese Bierpappträger "Herrenhandtasche" nennt? Bier? Trinken natürlich nur Männer, vermutlich sogar nur echte Männer. Oder nach zweigeschlechtlicher BVB-Denke: Kein Glied, kein Bier.

(Wie gesagt: BVB-Denke. Wir wissen, dass Geschlechtsorgane und Geschlecht zwei unterschiedliches Paar Schuhe sind.)

Da der FCSP für seinen hohen Anteil weiblich gelesener Fans bekannt ist, versucht der BVB die dadurch zu erwartenden verminderten Einnahmen durch eine Happy Hour (bis zu einer gewissen Zeit vor Spielbeginn) auszugleichen, während der der Konsum durch einen Rabatt in Höhe von 19,09% angekurbelt werden soll. Denn saufen ist natürlich nach wie vor sehr wichtig im Fußballfankontext.

(Für diejenigen, die diese rhetorische Stilblüte nicht erfassen: Ja, ich weiß, dass diese Regelung bei jedem BVB-Spiel gilt.)

4. Nmecha schnürt nach wie vor die BVB-Buffer.

Naja, Diskriminierung scheint beim BVB ja auch irgendwie Tradition zu haben.

Das schönste Stadion der Welt mit den besten Fans der Welt

So steht es (zumindest Teil 1) auf den Anzeigetafeln und so verkündet es (beide Teile) der kultige Norbert Dickel über die Lautsprecherboxen. Es wäre ja wirklich lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Für körperlich beeinträchtige Menschen ist der Weg in die Blöcke im Oberrang der reinste Horror. Klar, große Stadien, lange Wege. Aber hey, selber Schuld! Ihr hättet ja schließlich auch für nur 65 Euro (!) eine Karte für eine Mittelrangkarte hinter der Torauslinie nehmen können. Ja, richtig gelesen: Nicht etwa eine Karte auf der Geraden, sondern hinter dem Tor. 65 Ocken!

dasganzestadion

Belohnt wird mensch dann im Oberrang teilweise mit einer Sicht, in der die Spieler schlichtweg nicht mehr zu erkennen sind. Bestenfalls an ihren Bewegungsabläufen und Positionierungen. Ja, ich weiß: Große Stadien, teils große Entfernung. Was daran aber dann "schön" sein soll, entzieht sich meiner Logik. Zumal mensch vom Oberrang aus nicht einmal das gesamte Stadion sehen kann, da die Dach-Konstruktion einen ziemlichen Teil des Blickfeldes verdeckt (und hinter uns waren noch geschätzte 15 bis 20 Reihen).

schoenstestadion

Hunger? Kein Problem: Eine Etage tiefer gibt es Brezel, wow. Nein, die sind nicht vegan, da ist leider Milch drin. Aber es gibt doch auch vegane Curryvurst und vegane Wraps, nur halt leider nicht in dem für uns zugänglichen Bereich. "Aber fragt doch mal die Ordner da vorne am Tor, vielleicht lassen die Euch dafür eben durch." Nein, leider nicht. Die einzige Alternative sind am Ende tatsächlich (gute) vegane Hot Dogs (4,10€), für die mensch jedoch die kompletten Treppen bis unten zum Eingang  runter und wieder rauf latschen muss. Geiles Stadion!

Von den besten Fans der Welt hören wir auch dieses Mal nicht viel. Nur ein Bruchteil dieser legendären Gelben Wand supportet überhaupt mit und wirklich druckvoll kommt davon bei uns gar nichts an.

In unseren Reihen herrscht hingegen beste Stimmung, selbst der Oberrang ist über große Teile des Spiels recht aktiv. Sei es durch gelegentlichen eigenständigen Oldschool-Support oder durch das Aufgreifen des Liedguts unserer Ultras.

fcspsteher

"You'll nerver walk alone" darf natürlich vor Spielbeginn auch nicht fehlen und selbst in unseren Reihen da oben fängt das gefühlt jede zweite bis dritte Person mit dem Handy ein. Hey, macht meinetwegen, ist mir komplett Latte. Aber hört auf, mit Eurer Rundum-Filmerei die Leute in unseren eigenen Blöcken*, teils aus nächster Nähe frontal, abzufilmen. Da haben viele Leute aus individuellen und guten Gründen keinen Bock drauf, also respektiert das endlich mal!

(* gilt natürlich auch für andere Blöcke, wenn die Filmenden so nah dran sein sollten, um die Menschen dort sichtbar zu erfassen.)

einlauf

Wenn Euch das alles argumentativ noch nicht reicht, so sei ergänzt: Ein Stadion, in dem Friedrich Merz auf der VIP-Tribüne sitzt, kann nicht das schönste Stadion der Welt sein. Ob die "ganz Hamburg hasst die CDU-Rufe" von unseren Stehplätzen (plus uns) ausgereicht haben, um den in den TV-Bildern ausgesprochen schläfrig (oder gar schlafend) wirkenden Sauerländer aufzuwecken, konnten die überlieferten Bilder nicht aufdecken. 

Und bevor hier gar nichts positives steht: Schön das Rojava-Soli-Transpi, irgendwo in der Dortmunder Südkurve.

Das Spiel

Klar war ich enttäuscht, nach dieser geilen Aufholjagd und der wohl besten Leistung seit dem 4. Spieltag. Nach dieser nicht gegebenen Roten Karte gegen Schlotterbeck (15.), nach dieser viel zu spät (Gelb, 43.) gegebenen und diesen viel zu selten geahndeten Unsportlichkeiten eines Adeyemi, der auch noch das 2:0 (54.) beisteuerte. Vor allem aber nach diesem unnötigen Elfmeter in der Nachspielzeit, bei dem ich das zu Grunde liegende Foul von Ricky auch nach Ansicht aller TV-Bilder nach wie vor nicht als "eindeutig" (und somit VAR-würdig) auf der Linie sehe. Der ganze Spielverlauf mit dem Ergebnis 0 Punkte und dem (zum ersten Mal in dieser Saison) daraus resultierenden letzten Tabellenplatz. All das sorgt im Grunde für die größtmögliche Enttäuschung. Die habe ich natürlich mit Schlusspfiff ebenfalls in den Knochen, aber schon kurz danach sieht die Gefühlswelt schon wieder anders aus. Klar ist und bleibt da der Frust über den liegen gelassenen Punkt (und es wäre sogar mehr möglich gewesen). Aber das Gefühl, das diese tolle Leistung dennoch bei mir ausgelöst hat, ist stärker. Es macht Hoffnung. Fürs Derby und für alles, was danach kommt.

Wie uns allerliebster Millerton das sieht, könnt Ihr hier nachlesen. 

Das Egozine-Outro...

... in dem es bekanntermaßen ausschließlich um mich geht: Obwohl wir die beschissenen Abreiseerfahrungen der Vorsaison durch die Anreise mit dem Auto und dem entfernten Parkplatz vermieden haben, war das heute für mich der mit Abstand anstrengendste Spielbesuch seit langem. Während die Gruppe das hier alles ziemlich genossen hat, bin ich einmal mehr auf Hürden und Trigger gestoßen, die sicher kaum jemensch nachvollziehen kann. Ich will die dieses Mal alle gar nicht aufzählen (von all dem da oben Erwähnten gehört in dem Sinne jedenfalls nichts dazu).

Das Absurde daran ist: Meine größten Entspannungsphasen habe ich in den Momenten, wo es auf dem Feld richtig spannend wurde. Ich bin dann zwar auch komplett mitgerissen und mein Adrenalin ist sicher extrem hoch. Aber dann - und heute tatsächlich auch nur dann - ist die Birne halt mal ansonsten komplett leer und "entspannt", bzw. kann sich exakt nur auf diese Momente und Phasen konzentrieren. Da ist dann kein Platz mehr für negative Trigger. Das finde ich natürlich extrem schade, zumal wir nur selten mit so vielen Menschen im Stadion sind und ich sowas dann auch selber einfach mal gerne nur (oder zumindest größtenteils) genießen würde. Es freut mich aber immerhin für die Gruppe, dass die negativen Trigger (insbesondere Rückreise) für diese heute - sofern von mir wahrgenommen - ausgeblieben sind.

Warum ich mir dann sowas überhaupt (da für mich persönlich tatsächlich erwartbar) antue, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil ich das auch als ein Stück als Therapie ansehe, was aber trotz aller guten Vorsätze im Vorfeld komplett daneben ging. Ich arbeite weiter dran. Gute Nacht!